Hilfreiche Diagnose

Hinweis: Ursprünglich war es eine Tweetkette. Weil es aber ziemlich lang wurde und mir wichtig ist, veröffentliche ich es hier nochmal als zusammenhängenden Text.

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder festgestellt, wie hilfreich es ist, dass ich die Diagnose habe und offen damit umgehen kann.
So viele früher kritische und kraftraubende Situationen lassen sich nun in Vorfeld entschärfen. Sowohl durch mein Wissen als auch durch die Aufmerksamkeit und das Verständnis anderer. Dafür müssen diese natürlich offen sein für Erklärungen – von mir, aber auch durch Texte von anderen, die manchmal Dinge anders oder besser oder aus einer anderen Perspektive und mit einem anderen Hintergrund beschreiben können.
In den letzten Tweets habe ich ja schon @outerspace_girl und @QuerDenkender erwähnt, aber es gilt natürlich auch für andere Blogger wie @maedel76 und @fotobus (und deren Tweets), die Tweets von @Felicea, @koellchen und @tonictraitor sowie die Texte auf @AutismusFAQ .
Aus der Elternperspektive berichten @AnitaWorks9698, @andersbunt und ellasblog
Und vermutlich habe ich jetzt noch alle mögliche Leute vergessen…
Man sieht: Es gibt viele Möglichkeiten sich zu informieren, wenn man das möchte. Die Leute haben unterschiedl. Blickwinkel,verschiedene Herangehensweisen und Schreibstile. Es sollte also für jeden was dabei sein
Nur setzt es halt diese Bereitschaft voraus. In meinem Umfeld sind zum Glück praktisch alle sehr offen und interessiert, teilweise auch im Hinblick auf ihre Arbeit, z.B. meine Betreuerin oder Lehrer + Erzieher in meinem Bekanntenkreis. Genauso in meiner Gemeinde, wo man mir ganz selbstverständlich entgegenkommt. Und auch wenn mein Vater sich mit dem Verständnis etwas schwer tut, bemüht er sich darum.
Und allein dieses Bemühen macht schon einen sehr großen Unterschied, sowohl emotional als auch ganz praktisch.
(Ende der originalen Kette)

Und die, die ich vergessen hatte:

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I Abused Children For A Living (Reblog)

Auf Englisch, aber sehr lesenswert – auch bezüglich der Aussage „aber es gibt doch auch _gutes_ ABA“.

Diary Of A Birdmad girl

I abused children for a living. It didn’t look like abuse. It didn’t feel like abuse (at least not to me) but it was definitely abuse. I see that now. Back then, I actually thought I was helping those kids. In fact, it was and still is considered ‚therapy.‘ And not just any therapy- the most sought-after autism therapy, often the ONLY therapy insurance will cover. To this day it’s lauded as the only „evidence-based treatment“ for autism.

You see, I was an ABA therapist. My official title was ‚Behavior Technician‘ which in itself is really telling. I was hired off the street with no background in child development, no knowledge of autism or ABA, and no experience working with children, let alone autistic children. I. Literally. Did. Not. Know. What. Autism. Is. And I wouldn’t find out what autism is in the years that I worked there either.

To…

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Heute schweigen wir!

Gedankenkarrussel mit zugeklebtem Mund

An allen anderen Tagen sind wir laut, doch am heutigen Weltautismustag schweigen wir Autist*innen und Eltern autistischer Kinder, denn gerade am heutigen Tag wird uns wieder mal die Stimme genommen. Organisationen wie Autism Speaks und nichtbehinderte Menschen, die für uns sprechen, sind am Weltautismustag besonders laut.

Oft vermitteln diese zudem ein Bild von Autismus, das weit entfernt von jenem ist, das Autist*innen von ihrem Autismus haben. Autismus wird als schweres Schicksal für die Familien dargestellt und eine möglichst vollständige „Heilung“ als das Ziel angesehen.

Fragt man Autist*innen, haben diese hingegen oft eine ganz andere Sichtweise. Sie wünschen sich zuallererst einmal Akzeptanz; und als Förderung dann Hilfen, um in der nicht-autistischen Welt zurechtzukommen.

Die für das Verständnis existentiell wichtige Innensicht können nur Autist*innen selbst vermitteln. Nonverbale Autist*innen und auch Kinder können oft nicht für sich selbst sprechen. Umso wichtiger ist es, dass andere Autist*innen, die dazu in der Lage sind, gehört werden.
Dabei gilt immer: Kennt man einen autistischen Menschen, dann kennt man nur einen. Daher sind viele Stimmen der Autist*innen wichtig. Je mehr Erfahrungen und Ansätze zu einem Problem angeboten werden, desto eher findet der autistische Mensch das Richtige für sich.
Fehlt die Innensicht, kommt es leicht zu Fehleinschätzungen durch das nicht-autistische Umfeld.

Wir wünschen uns, dass mehr auf Autist*innen und ihre Sichtweise gehört wird – von Eltern, Ärzt*innen, Therapeut*innen, Lehrer*innen, Schulbegleiter*innen und in den Medien.

Mit uns, nicht ohne uns. Denn nur so kann es ein umfassendes Bild von Autismus geben.


Aktion von:

Felicea
mundpilz
innerwelt
gedankenkarussel
fotobus
Outerspace Girl
Autismus – Keep calm and carry on
butterblumenland
quergedachtes

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Wenn ich mir aussuchen dürfte…

…welche meiner Diagnosen ist abschaffen will, dann wäre Autismus da nicht auf den ersten Plätzen.

Die heißen Kandidaten sind die Infektanfälligkeit und die Schlafstörungen/ Dauermüdigkeit, dicht gefolgt von der Depression – wobei letztere vermutlich zu erheblichen Teilen auf den beiden erstgenannten basiert.

Es nervt und frustet mich, dass ich dauernd einen Infekt habe. Meist nicht so, dass ich komplett im Bett liege, aber dass ich mich nicht fit fühle, abgeschlagen bin und oft auch Hustenreiz habe. Dass ich gerne singe, ist in dieser Hinsicht insofern negativ, dass der Infekt meine Stimmung dann noch mehr drückt, weil das nicht mehr geht. Die Infekte kommen bei mir oft nicht richtig „raus“, schwelen aber ewig und sind nie richtig weg.
Und die Abgeschlagenheit und Müdigkeit ist auch eine andere als die „normale“ Müdigkeit, ich nenne das „krankmüde“. Krankmüde ist noch ein paar Stufen übler als normale Müdigkeit.
Vermutlich wären die Infekte das allererste, was ich abschaffen würde, wenn ich könnte.

Schlafstörungen und Müdigkeit nerven auch, aber ohne Infekte und mit Medikamenten lässt es sich zumindest halbwegs in den Griff kriegen (die Infekte zeigten sich bisher von allen unternommenen Versuchen mit Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln und Naturheilmitteln wie Ingwer und Kurkuma ziemlich unbeeindruckt…).
Allerdings wäre ich sie trotzdem gerne los^^ Erstens bin ich nicht begeistert davon, dauernd Medikamente einzunehmen, zweitens helfen die auch nur eingeschränkt. Schlafstörungen sind einfach furchtbar – todmüde im Bett liegen, aber nicht schlafen zu können (und womöglich noch zu wissen, dass ich am nächsten Tag halbwegs fit sein sollte), macht mich richtiggehend verzweifelt.
Eine gewisse Grundmüdigkeit ist allerdings immer da, selbst wenn ich gut schlafen kann und von außen kaum Stressfaktoren kommen. Aber mit der kann ich irgendwie leben. Wobei sie auf meiner Abschussliste nach Infektanfälligkeit und Schlafstörungen den 3. Platz belegt.

Nach diesen kommen dann die Depressionen, wobei ich denke, dass von den Depressionen eben nicht mehr allzu viel übrig wäre, wenn die drei anderen weg wären. Sicher bin ich auch so mal gefrustet, wenn ich etwas nicht machen kann, was ich möchte, aber ich glaube, das Ausmaß wäre viel zu gering, um ernsthafte Depressionen auszulösen, wenn die genannten Faktoren wegfallen würden.

Insofern ist meine Liste also:
1. Infekte
2. Schlafstörungen
3. Müdigkeit (hängt mit 2. nicht zu 100% zusammen)
4. Depressionen (falls nach Abschaffung von 1.-3. noch vorhanden)

Es gibt noch ein paar weitere somatische Diagnosen, die sind aber nicht sooo wild, könnten aber den 5. Platz einnehmen.

Und Autismus?
Der kommt nicht auf die Liste. Ja, es gibt Sachen, die mich einschränken und wo ich frustriert und genervt bin. Aber die werde ich nicht los, ohne meine Persönlichkeit total zu verändern und ohne auch positive Sachen mitzunehmen. Ich will in manchen Dingen einfach nicht anders sein.
Ein Teil der Müdigkeit mag davon kommen, dass mich „normale“ Dinge mehr anstrengen, aber das Ausmaß ist auch laut der Experten in der Diagnostikstelle und meinem Arzt untypisch.

In der Therapie arbeiten wir ja immer am „bösen A-Wort“, sprich: Akzeptanz.
Die allermeisten Probleme machen hier aber Dinge, die eben nicht vom Autismus verursacht werden, sondern von den anderen Dingen. Hätte ich nur die Einschränkungen, die direkt vom Autismus kommen, könnte ich damit glaube ich ziemlich gut umgehen. Wobei das natürlich durch ein entsprechendes Umfeld erleichtert wird… Diese Sichtweise spiegelt sich auch darin wieder, was ich als Therapieziele betrachte.

Momentan bin ich einfach nur maximal genervt von der (infektbedingten) Abgeschlagenheit. Ich bin eigentlich total motiviert, was zu machen, aber müde, müde, müde. Zu tun hätte ich genug, davon mal ganz abgesehen. Aber ich kann gerade nicht mehr schlafen, nur bedingt klar denken und muss mich konzentrieren, dass die Buchstaben (und alles andere) nicht vor meinen müden Augen verschwimmen. Die Augen würden nämlich gerne zufallen…
Das lässt gerade als Beschäftigungen folgende Optionen: wach im Bett liegen, gegen die zufallenden Augen ankämpfen oder Musik hören – ersteres ist langweilig, zweiteres anstrengend, letzteres ungünstig, weil ich gerade Ruhe wesentlich angenehmer finde.
Mal abgesehen davon, dass ich heute eigentlich mehr machen wollte als diesen Blogpost zu schreiben…

Aber gut, ich votiere wohl für die Option „ins Bett legen“, vielleicht schlafe ich ja doch wieder ein. Der Rhythmus ist eh schon kaputt, kommt also auch nicht mehr drauf an.

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Ambulant betreutes Wohnen

Ich habe gerade etwas erstaunt festgestellt, dass ich es zwar immer mal erwähnt oder auch was erzählt habe, aber (zumindest hier im Blog) nie einen ausführlicheren Bericht dazu geschrieben habe. Darauf bekommen bin ich durch die Kolumne von Birke bei ellasblog: Kolumne – das Persönliche Budget und die Suche nach kompetenten Betreuern.
Meine Erfahrungen sind zum Glück ganz anders als ihre und ich habe dort auch bereits einen Kommentar mit meinen Erfahrungen geschrieben. Aber obwohl der Kommentar schon recht lang ist, würde ich gerne ausführlicher berichten und tue das nun halt hier^^

Ich habe seit knapp 2,5 Jahren die Unterstützung durch das ambulant betreute Wohnen (ABW), allerdings nicht als Persönliches Budget, sondern als Sachleistung – d.h. das Sozialamt bezahlt den Träger, von dem die BetreuerInnen kommen. Der Vorschlag, das ABW zu beantragen, kam von meiner Therapeutin und wurde auch von meinem Psychiater unterstützt.
Ich habe daraufhin mit einem Träger Kontakt aufgenommen, wo mir auch bei der Beantragung geholfen wurde (die sich ziemlich hinzog – Behörden halt…). Der Betreuer, der sich um diese Beratungen kümmerte, hat mich auch zur Begutachtung beim Amtsarzt begleitet (wo direkt 4 Stunden pro Woche befürwortet wurden) und schlussendlich auf Grund der Kontakte mit mir eine Betreuerin vorgeschlagen, von der er sich vorstellen konnte, dass wir zueinander passen. Sowohl von ihm als auch von meiner Betreuerin wurde mehrfach klargestellt, dass jederzeit ein Betreuerwechsel möglich ist, falls ich mit ihr nicht (mehr) klarkomme.

Ich habe eine „Hauptbetreuerin“ (Heilerziehungspflegerin), der ich neulich in einem Artikel den Namen Ina gegeben habe, sowie zwei Vertretungen, die ich mal der Einfachheit mit „die Vertretungsbetreuerin“ (ebenfalls HEP) und „der Vertretungsbetreuer“ (Sozialpädagoge) benenne. Entsprechend sehe ich Ina mit Abstand am häufigsten, bei Krankheit oder Urlaub dann die Vertretungsbetreuer. Hier wurde ich auch gefragt, ob und wenn ja wie ich diese vorab kennenlernen möchte – beide kamen dann (einzeln) einmal vorbei, als Ina da war, so dass ich sie erstmal ein bisschen „beschnuppern“ konnte.
Ich duze mich mit den Betreuern, wobei wir uns ganz am Anfang gesiezt haben und dann die Frage kam, was mir lieber sei.

In der Regel habe ich 2×2 Stunden Betreuung pro Woche. Ich mache mit der Betreuung alles möglich, sehr viel Zeit entfällt auf den Haushalt u.ä., aber wir machen auch zusammen (manche) Arztbesuche, Behördenangelegenheiten, Einkäufe (wenn ich Beratung brauche oder aus anderen Gründen nicht allein gehen möchte) oder einfach einen Spaziergang oder mal einen kleinen Ausflug.
Ich habe relativ wenig soziale Kontakte, insofern unterhalten wir uns auch oft darüber, was gerade so los ist. Manchmal schildere ich auch eine Situation und frage, wie jetzt die Reaktion der anderen Person zu verstehen ist oder ob mein Verhalten (aus Nichtautisten-Sicht) „falsch“ war und wie ich mich „richtig“ verhalten hätte. Manchmal besprechen wir auch im Vorfeld, wie eine Situation ablaufen könnte und wie eine mögliche Reaktion von mir aussähe.
Eigentlich wollen wir auch mal ein bisschen was in Richtung Sozialkompetenztraining machen, aber irgendwie sind wir dazu bislang nie gekommen^^

Was mir wichtig ist und zum Glück auch meinen Betreuern: Alle Entscheidungen liegen bei mir. Ich neige dazu, mich manchmal ein bisschen zu entschuldigen, wenn ich sage „ich würde den Rest vom Putzen lieber verschieben und dafür noch ein bisschen rausgehen“ – Inas übliche Reaktion lautet dann „DU entscheidest!“ 🙂
Sie macht natürlich auch mal Vorschläge wie „was hältst du davon, wenn wir in absehbarer Zeit mal wieder das Bad putzen“ (ja, ich hasse es noch immer…) oder „vielleicht wäre Wäsche waschen mal wieder eine Idee“, aber wenn ich das nicht will, dann akzeptiert sie das voll und ganz, und sie versucht auch nicht, mir dafür ein schlechtes Gewissen einzureden oder so (und die Vertretungen genauso).
Auch wenn ich sie ratlos anschaue und sage „und nun/ was soll ich jetzt machen“, bringt sie zwar einen Vorschlag oder auch mehrere, aber am Ende ist es meine Entscheidung, was davon umgesetzt wird.

Ich habe auch schon öfter gehört/ gelesen, dass Ärzte, Behördenmitarbeiter etc. dazu neigen, nur mit der Begleitperson zu sprechen statt mit dem Autisten. Derartige Versuche sind bei Ina relativ erfolglos, denn sie schweigt die Leute dann einfach an und schaut demonstrativ zu mir rüber (außer natürlich, wenn wir es vorher anders besprochen haben). Somit ist sichergestellt, dass ich nicht ungewollt übergangen werde.

Natürlich gibt es immer mal Situationen, wo es nicht ganz glatt oder nicht ganz optimal läuft – das liegt in der Natur der Sache. Schließlich sind auch Betreuer keine Hellseher. Wichtig ist mir aber, dass solche Situationen bei uns nie in Bevormundung enden und wir hinterher dann darüber sprechen können, wie es sich in Zukunft vermeiden lässt. Ein Beispiel, was mir dazu einfällt: Ich hatte im Fahrradladen wegen einer kleineren Reparatur nachgefragt und bekam dann direkt einen Terminvorschlag. Eigentlich war ich mir nicht ganz sicher, ob ich das so jetzt zu diesem Zeitpunkt will, brachte es aber nicht fertig, das auszudrücken. Ina war sich nicht ganz sicher, ob sie eingreifen soll, und hat sich dagegen entschieden. Hinterher hat sie mich aber direkt darauf angesprochen (mir wäre es in dem Fall tatsächlich lieber gewesen, sie hätte eingegriffen) und wir haben gemeinsam überlegt, wie ich ihr in so einer Situation unauffällig mitteilen kann, dass sie sich einmischen darf/ soll.
Etwas durcheinander bringt es mich auch, wenn kurzfristig ein Termin wegen Krankheit ausfällt. Das lässt sich natürlich nie ganz vermeiden, aber ich habe sie jetzt gebeten, dass sie mich zumindest vorwarnt, wenn sie befürchtet, dass der nächste Termin ausfallen könnte. Für manchen würde es vermutlich eher Stress bedeuten, sich darüber Gedanken zu machen, und am Ende war es vielleicht gar nicht nötig. Mir selbst hilft es aber eher, wenn ich weiß, dass möglicherweise noch eine kurzfristige Absage kommen könnte.

Alle meine Betreuer sind auch immer interessiert daran, wie ich Dinge wahrnehme oder erlebe, oder werfen einen Blick auf herumliegende Bücher zu Autismus. Sie haben bei der Arbeit eine Bibliothek und sind diesbezüglich immer offen für Buchtipps. Als ich 2014 mit der Betreuung dort anfing, hatten sie noch eher wenig Erfahrung mit erwachsenen hochfunktionalen Autisten im ambulanten Bereich, aber zu Autismus an sich gab es Erfahrungen, u.a. durch ein stationäres Wohnangebot. Mir ist aber ohnehin generell wichtiger, dass jemand offen für mich und meine Wahrnehmung ist, als dass er Autismus-Experte ist (oder sich dafür hält) – mancher sogenannte Experte ist so überzeugt von seinem Wissen, dass selbiges dann über den Erfahrungen und Bedürfnissen des Autisten steht… da ist mir lieber, wenn jemand sagt „ich kenne mich zwar nicht so gut mit Autismus aus, bin aber gerne bereit, dazu zu lernen“, so wie es zum Beispiel bei meiner sehr guten Therapeutin der Fall ist.

Insgesamt ziehe ich also ein überaus positives Fazit. Die Betreuung entlastet und unterstützt mich bei vielen Dingen im Alltag und sie hält uns quasi in der Therapie den Rücken frei, weil dort nicht (wie früher) noch Dinge wie Tagesstruktur geklärt werden müssen oder ich frage, wie ich mich in einer Situation hätte verhalten sollen/ verhalten soll – sowas mache ich jetzt eben ganz überwiegend mit der Betreuung.

Wie es aktuell genau mit Beantragung etc. läuft, kann ich leider nicht berichten, da ja mittlerweile das Bundesteilhabegesetz gilt, mein Erstantrag und sämtliche Verlängerungen aber noch nach der alten Rechtslage waren. Immerhin ist ja die „5 von 9“-Regelung nicht so wie im Entwurf umgesetzt worden, ansonsten hätte ich vermutlich beim nächsten Antrag auch Probleme bekommen.

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Unter Verdacht: Evidenzbasierung (via: elfenbeinhochhaus)

Der Artikel ist v.a. im Hinblick auf die viel gerühmte „Evidenzbasierung“ bei ABA sehr lesenswert.

Essays aus dem Elfenbeinhochhaus

„Warum macht ihr das? Also, warum ausgerechnet dieses Förderprogramm für Hannah?“

„Weil es evidenzbasiert ist.“

Oha. Verdächtig, verdächtig…

Zumindest mir drängt sich der Verdacht auf, dass das Argument, dass etwas evidenzbasiert sei, gegen Kritik immunisieren soll. Man könnte nämlich weiterfragen: „Aber ist das Förderprogramm auch gut für Hannah?“ Die Antwort käme prompt: „Na klar, es ist ja wirksam.“ „Hmm…“ Aber wirkt es wirklich nur so, wie es wirken soll?

Manchmal scheint es mir, als wollten diejenigen, die am vehementesten behaupten, dass etwas evidenzbasiert sei, etwas anderes verstecken: Dass das, was so toll wirkt, vielleicht gewisse Nebenwirkungen hat.

Aber das ist nur meine nicht-evidenzbasierte basierte Ansicht zu Evidenzbasierung.

Die Wirkung des Wortes „evidenzbasiert“ hingegen erscheint mir durchaus evident.

Für welches Medikament gegen Langeweile würden sie mehr Geld ausgeben? Für das evidenzbasierte Medikament Flandufin [1] oder für das nicht-evidenzbasierte Medikament Moldipatin1?

Klar, Sie wissen, dass Sie hier in eine Falle…

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Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente) und Nahrungsergänzungsmittel

Gestern schrieb ich ja einen Artikel zu Vitamin D – heute geht es allerdings allgemeiner um das Thema Nahrungsergänzungsmittel (NEM).
In der Antwort auf einen Kommentar habe ich vorhin geschrieben:

Ich finde das Thema echt schwierig. Irgendwie scheint es bei den Ärzten überwiegend die Ansicht zu geben „ist nicht so schlimm“ oder aber das andere Extrem „Vitamine helfen gegen alles, einfach mal geben“. Ich vermisse den Mittelweg: Bei entsprechenden Symptomen abklären und bei einem Mangel dann substituieren. Wobei mE eine Substitution auch in Erwägung gezogen werden sollte, wenn der Wert gerade so eben über der unteren Grenze ist, falls entsprechende Symptome vorhanden sind.
Dadurch, dass viele Ärzte das leider nicht ernstnehmen, probieren die Leute dann halt die Tipps aus dem Internet aus, ohne sich der Gefahren einer Überdosierung bewusst zu sein. Und dabei werden dann ja oft auch höhere Dosen genommen als empfohlen.
Aber so nervig das ist: Ohne Abklärung, ob überhaupt ein Mangel vorliegt, Nahrungsergänzungsmittel (möglicherweise noch in sehr hoher Dosis) zu nehmen oder seinem Kind zu geben, ist gefährlich und sollte man nicht machen.
Genauso würde ich mich nicht auf die Aussage eines Heilpraktikers o.ä. verlassen, der ohne Blutuntersuchung anhand irgendwelcher Methoden einen Mangel diagnostiziert haben will.

Und das ist mir auch wirklich wichtig. Selbst wenn es echt ätzend ist, weil der Arzt euch nicht ernst nimmt, doktort bitte nicht eigenmächtig an euch und v.a. eurem Kind rum!

Vitamine – egal ob künstlich hergestellt oder in „natürlichen“ Präparaten wie z.B. Acerolapulver oder Kamelmilch – können überdosiert werden und unerwartete Nebenwirkungen haben, dasselbe gilt für alle weiteren Mikronährstoffe.
Als Orientierung gibt es die Empfehlungen verschiedener Behörden und Gesellschaften, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen. Hierbei ist die eine Bezugsgröße die empfohlene maximale Tagisdosis bzw. auf Englisch RDA/ RDI (für Deutschland empfehle ich die Seiten der DGE), die andere das Tolerable Upper Intake Level (UI), d.h. wie viel man vermutlich pro Tag davon aufnehmen kann, ohne Probleme befürchten zu müssen. Letzteres ist aber keine Aufnahmeempfehlung! Eine Übersicht der UI-Werte gibt es in der englischen wikipedia.

Dabei muss unbedingt beachtet werden, dass sich auch die Stoffe gegenseitig beeinflussen können und dadurch z.B. die noch tolerierbare Obergrenze sinken kann. Im gestrigen Artikel findet sich dazu ja bereits ein Beispiel bzgl. Vitamin D und Calcium (und weiteren Stoffen). Je mehr verschiedene Stoffe eingenommen werden, umso größer und unabsehbarer ist das Risiko solcher unerwarteten Wechselwirkungen. Man lese als anschauliches Beispiel für die Komplexität der Wirkungen und somit auch potentiellen Wechselwirkungen mal den wikipedia-Artikel zu Calcitriol (aktive Form von Vitamin D). Außerdem muss bei der Einnahme von NEMs berücksichtigt werden, inwieweit die Stoffe bereits durch die Nahrung aufgenommen bzw. im Fall von Vitamin D durch Sonneneinstrahlung gebildet werden.

Ich zähle hier mal einige mögliche Wechselwirkungen auf. Diese sind manchmal erwünscht (z.B. wird empfohlen, zu eisenhaltigen Lebensmitteln auch etwas Vitamin C-haltiges zu konsumieren bzw. es ist in Präparaten beides drin), können aber auch das Risiko einer Überdosierung eines Stoffes (und möglicherweise daraus resultierend einer Unterdosierung eines anderen) erhöhen:

  • Vitamin C (Ascorbinsäure) erhöht die Verfügbarkeit von Eisen..
  • Zu viel Vitamin E kann zu einem Eisenmangel führen.
  • Viele zweiwertige Ionen (Eisen, Calcium, Magnesium, Zink, Kupfer…) behindern sich gegenseitig in der Aufnahme, z.B. kann ein hoher Calcium-Spiegel die Aufnahme von Magnesium verringern.
  • Vitamin D erhöht die Aufnahme von Calcium und Phosphat.

Immer beachten muss man natürlich auch die Wechselwirkungen, die entsprechende Stoffe mit Medikamenten haben können.

Selbstverständlich treten nicht immer die extremsten Folgen ein. Dieser Artikel und die Listen sollen insbesondere kein Grund sein, ärztlichen Empfehlungen, die auf Basis von Laborwerten oder medizinischen Leitlinien gegeben wurden, nicht zu folgen (z.B. Vitamin D bei Säuglingen)! Bevor ihr aber eigenmächtig entsprechende Präparate, „Superfoods“ o.ä. zu euch nehmt oder euren Kindern gebt, bedenkt diese Risiken aber bitte.

Einige Gefahren (keine vollständige Auflistung!) einer Überdosierung bei bestimmten Mikronährstoffen:

  • Allgemein gilt: Bei wasserlöslichen Vitaminen ist die Chance recht gut, dass ein Zuviel einfach ausgeschwemmt wird – wobei auch das seine Grenzen hat und durchaus eine Überdosierung möglich ist. Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) werden hingegen meist im Körper gespeichert (Ausnahme: Vitamin K) und haben dadurch ein nochmal erhöhtes Risiko für eine Überdosierung.
  • Vitamin A: Schmerzen, Hirndruck, Leberschäden bis hin zur Fibrose, generell ist es eine ziemlich lange Liste unangenehmer und gefährlicher Dinge
  • Vitamin B3 (Nicotinsäure): Blutdruckabfälle, Schwindel, Leberschäden
  • Vitamin C (Ascorbinsäure): Durchfall, Nierensteine
  • Vitamin D: Hyperkalzämie, Knochenabbau
  • Calcium: Nierensteine, Nephrokalzinose („Nierenverkalkung“), möglicherweise erhöhte Mortalität
  • Eisen: Leberschäden, möglicherweise negativer Einfluss auf neurodegenerative Erkrankungen sowie einige Infektionskrankheiten
  • Iod: möglicherweise Schilddrüsenüber- oder Unterfunktionen
  • Kalium: Muskelzuckungen, Herzrhythmusstörungen
  • Kupfer: Übelkeit, Erbrechen
  • Magnesium: Müdigkeit, verlangsamter Puls
  • Natrium (wird in der Regel ohnehin über das Salz in der Nahrung mehr als empfohlen aufgenommen): Müdigkeit, Ödeme, epileptische Anfälle, Bewusstlosigkeit
  • Phosphat: Hypokalzämie, Hyperkaliämie, Durchblutungsstörungen bis hinzu Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Selen: Leberzirrhose, Herzinsuffizienz, möglicherweise Begünstigung einiger Krebsarten sowie der Entstehung von Diabetes Typ 2
  • Zink: Übelkeit, Erbrechen, Vergiftungserscheinungen

Noch kurz zu den sogenannten (oft exotischen) Superfoods wie z.B. Gojibeeren oder Kokosöl: Diese haben meist keinen größeren Nutzen als heimische Produkte und können teilweise sogar schaden. Insbesondere exotische Produkte sind auch oft mit Schadstoffen und vereinzelt Keimen belastet (auch Bioprodukte), wie Ökotest herausfand.

 

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