Therapieziele

Im letzten Artikel endete ich mit:
Mein Ziel ist es, so sein zu dürfen und angenommen zu werden, wie ich bin, und ein eigenständiges Leben zu leben. Gut, letzteres ist vielleicht nicht bei jedem zu 100% möglich, ersteres allerdings schon. Selbstverständlich gibt es Grenzen und natürlich gibt es Dinge, die ich lernen/ akzeptieren muss, weil es gute Gründe dafür gibt – weil ich sonst ggf. nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere ein „Problem“ darstelle.

Bevor es hier Missverständnisse gibt, ein Beispiel:
Ein Kind muss lernen, dass es nicht einfach auf die Straße rennen muss – denn das könnte nicht nur für das Kind tödlich enden, sondern auch weitere Verkehrsteilnehmer gefährden.
Da nicht alles so eindeutig ist wie dieses Beispiel, ist es natürlich immer eine „Gratwanderung“, was nun das Ziel ist (und wann bzw. was gerade Priorität hat).
Sachen, die akut mein Leben oder meine Gesundheit bzw. Leben und Gesundheit meines Umfelds gefährden, sind eindeutig.
Dinge, die andere wirklich als anstößig oder übergriffig empfinden (FKK auf dem Marktplatz, fremden Leuten an bestimmte Körperstellen fassen etc.) ebenfalls.
Aber nicht die Dinge, die „man“ nicht macht, wie ich sie im Eintrag Man muss – muss man? beschrieben habe.
Wie schon im Artikel zu MMS geschrieben ist für mich das Ziel nicht eine „Heilung“.

Ich weiß, auch in diesem Artikel hier geht es wieder relativ konkret um eine Aspergerautistin, die sprechen, weitestgehend selbstständig leben etc. kann.
Aber, liebe Eltern, bitte überlegt euch doch, was euer wichtigstes Ziel bei einer Therapie eurer Kinder ist:

  1. dass es bloß nicht mehr auffällt, „koste es, was es wolle“ (und in der Folge auch leichter zu „handhaben“ ist)
  2. dass es glücklich ist und in seiner Art, so wie es ist, respektiert wird

2. schließt 1. nicht komplett aus, denn natürlich ist es auch für das Kind hilfreich, wenn nicht jeder auf der Straße „mit dem Finger auf es zeigt“ oder es möglichst nicht zu Mobbing auf Grund seiner Eigenheiten kommt.
Aber bitte behaltet dabei im Blick, dass 2. das allerwichtigste ist – und 1. nur in gewissen Grenzen und immer mit Blick auf 2. ein Thema sein sollte.
Die Menschheit wird nicht daran zugrunde gehen, dass euer Kind sich stundenlang mit seinem Spezialinteresse „welche Arten von Sand kommen in der Sahara vor“ beschäftigt, sein Gegenüber beim Reden nicht ständig anschaut oder keine 186532 Freunde hat.
Wenn ich den im letzten Artikel schon erwähnten Artikel von Mela so lese, haben Autismus Deutschland und ich wohl wirklich recht unterschiedliche Ansichten…

Ich mache eine Therapie und habe seit neuestem auch eine ambulante Betreuung. Ziel war und ist aber nicht, dass mein Autismus verschwindet, sondern:

  • meine Gefühle wahrnehmen, die für mich früher meist sehr diffus waren, was zu Verunsicherung führte
  • meinen Blick auf mich selbst und die Ansprüche an mich überdenken
  • Handlungsmöglichkeiten für „schwierige“ Situationen entwickeln
  • Gedankenansätze bekommen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre, und Gedanken strukturieren
  • rausfinden, was hinter manchen Ängsten und Gedanken steckt, um Handlungsoptionen zu bekommen
  • Handlungen und Strategien einüben
  • (für mich unklare) Situationen erklären
  • Hilfe bei praktischen Dingen wie Telefonaten

Ich bin sehr dankbar, dass ich da so eine tolle Therapeutin erwischt habe, obwohl sie mit Autismus bislang kaum was zu tun hatte. Sie ist genau so, wie ich mir einen Therapeuten (allgemein, nicht nur bezogen auf Autismus) wünsche: Sie schaut, was bei mich gerade Sache ist und was mir gerade helfen könnte – und nicht (nur), was das Lehrbuch bei Diagnose X oder Problem Y empfiehlt. Sie bringt Vorschläge ein, verfolgt die ggf. auch durchaus hartnäckig ;-), respektiert aber auch mich und meine Meinung (inkl. meiner Ansichten zum Thema „Was will ich mit dieser Therapie erreichen“).

Ich wäre froh gewesen, wenn ich nicht erst mit Mitte 20 diagnostiziert worden wäre (und vermute auch, dass ich heute in der Schule nicht mehr so ohne Weiteres klarkäme – in den letzten Jahren hat sich da doch sehr viel verändert). Ich denke, manche Fehlentscheidungen und Probleme und letztlich depressive Einbrüche hätten sich damit verhindern oder zumindest abmildern lassen. Ich hatte insgesamt betrachtet doch großes Glück mit meinen Eltern (die intuitiv vieles richtig gemacht haben) und Rahmenbedingungen.
Dennoch gruselt es mich, wenn ich sehe, zu was für „Therapien“ manchmal eine frühe Diagnose führt… ganz zu schweigen davon, was es in den USA so an Autismus-Forschung und -Verbänden gibt, die nur zum Ziel haben, den ach so furchtbaren Autismus „auszurotten“ (was gleichbedeutend damit ist, die entsprechenden Menschen auszurotten). Oder von Leuten, die das Leben ihres Kindes als solch ein Leid ansehen, dass sie ihre Kinder töten.
Da weiß ich dann nicht, ob ich einfach nur unglaublich wütend und entsetzt sein soll – oder auch traurig, dass diese Menschen offenbar so ein furchtbares Bild von Autismus haben und/ oder so schlechte Erlebnisse bzgl. Umfeld/ Unterstützung… gemacht haben.
Eine Rechtfertigung ist es allerdings für mich dennoch nicht. Nein. NEIN!

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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6 Antworten zu Therapieziele

  1. Anita schreibt:

    Zitat: “
    meine Gefühle wahrnehmen, die für mich früher meist sehr diffus waren, was zu Verunsicherung führte
    meinen Blick auf mich selbst und die Ansprüche an mich überdenken
    Handlungsmöglichkeiten für „schwierige“ Situationen entwickeln
    Gedankenansätze bekommen, auf die ich selbst nicht gekommen wäre, und Gedanken strukturieren
    rausfinden, was hinter manchen Ängsten und Gedanken steckt, um Handlungsoptionen zu bekommen
    Handlungen und Strategien einüben
    (für mich unklare) Situationen erklären
    Hilfe bei praktischen Dingen wie Telefonaten“

    Das sind sehr GUTE Ziele!
    Solche Ziele sind wichtig.

    Viel Erfolg und einen Dank an Deine Therapeutin!

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