Man muss – muss man?

Man macht nicht – macht man nicht?
Ich kann mit manchen Konventionen echt nichts anfangen.
Warum darf man in Sandalen keine Söckchen tragen? Ich mein damit ja nun wirklich nicht, dass ich Woll- oder Tennissocken tragen will. Aber nette kleine Sneaker in einer unauffälligen Farbe? Ohne Socken bekomme ich Scheuerstellen und klebe mit dem schwitzigen Fuß an der Sandale fest. Manchmal gehe ich (für kurze Strecken) ohne Söckchen. Manchmal ignoriere ich die Konvention und ernte blöde Kommentare – und weiß dann nicht, wie ich damit umgehen soll, wie ich reagieren könnte. Ignorieren (und mich als „asozial“ hinstellen lassen, weil „man“ das ja nicht macht)? Erklären, warum ich das mache (wäre mir das liebste, kommt aber sicher doof an…)? Grinsen und mir meinen Teil denken (kann ich nicht)?
Genauso diverse Höflichkeitsfloskeln. In vielen Foren muss man Beiträge mit einem Gruß beginnen und beenden. Find ich furchtbar, stört für mich den Fluss beim Lesen und ist meiner Meinung nach einfach total überflüssig.
Ich hätte auch kein Problem, wenn jemand zu mir sagen würde „die Butter, bitte“ o.ä. und nicht „Könnte ich bitte die Butter haben?“. Es wäre mein Traum, einfach nur wortlos das Gewünschte rüberzureichen, ohne „bitte“, „hier“ o.ä. zu sagen und/ oder den anderen anzulächeln. Aber das gilt dann ja wieder als unhöflich oder überheblich (so in etwa, als ob ich es als Zumutung empfinden würde, wenn mich jemand um sowas bittet). Genauso fände ich es wunderbar, wenn es Konvention wäre, bei einem Essen mit mehreren Personen (und großem Tisch mit entsprechendem Geräuschpegel) einfach auf das Gewünschte deuten zu können, vielleicht ergänzt um „die Butter?!“. Klar hab ich mich mittlerweile dran gewöhnt und ich mach es sogar automatisch, aber ich könnte mich auch ganz ganz schnell umstellen :lol:.
„Man“ rasiert sich die Achseln, sonst ist man „eklig“. (Hmpf – da hab ich mich für den Sommer tatsächlich angepasst, um entsprechenden Konflikte und netten Kommentaren aus dem Weg zu gehen.)
„Man“ rasiert sich Arme und Beine.
„Man“ sagt nicht direkt, was man denkt, wenn man damit anecken könnte. Selbst dann nicht, wenn der andere danach fragt. (Wenn mich einer fragt „wie findest du meine neue Haarfarbe“ und ich find sie scheußlich, muss ich mich sehr beherrschen, das nicht zu sagen… aber offenbar soll ich ja nur bestätigen, dass die Haarfarbe toll ist, auch wenn die Frage eigentlich was anderes aussagt.)
„Man“ macht nicht den Mund auf, wenn jemand anders ein Problem mit dem Lehrer hat, denn „bist du N.s Anwalt?“
„Man“ heuchelt Begeisterung für ein Geschenk, was völlig daneben ist, auch wenn der Schenkende wissen kann, dass man damit nichts anfangen kann.

Auch wenn ich in Anders II von den Dingen schreibe, wo ich meiner Meinung nach unnötigerweise anders war als andere – ich möchte nicht in allem sein wie sie. Ich möchte nicht unnötig zum Außenseiter werden, wie es teilweise geschehen ist. Aber ich möchte auch nicht Dinge nur machen, weil „man“ sie macht. Das widerstrebt mir einfach total. Wenn eine Sache mir widerstrebt, will ich sie nicht tun – und wenn ich (direkt oder indirekt) gezwungen werde, fühlt sich das für mich ganz schrecklich an. Dann verzweifle ich innerlich beinahe, auch wenn ich nach außen gänzlich unberührt wirke.
Aber ich lebe halt in dieser Welt, wo es gewisse Regeln gibt – meiner Meinung sind einige Regeln sicher nötig, aber viele halt auch überflüssig.
Warum kann nicht einfach jeder so sein, wie er ist, und direkt sagen, was er denkt?

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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9 Antworten zu Man muss – muss man?

  1. chaosmaeuschen schreibt:

    Weil dann sämtliche Leute in Berufen, die sich mit der Psyche und ihren Problemen beschäftigen, arbeitslos wären? Ja, gut, nicht alle… aber weniger zu tun hätten sie garantiert.
    Ich bewundere Leute, die auf diese überflüssigen Regeln pfeifen, total, und bin jedes Mal wieder stolz, wenn ich das bei einer hinkriege… Ist ja auch schwer genug, vor allem, wenn einem das eigene Hirn zwischendurch einen Streich spielt und anfängt zu diskutieren, ob die Regel wirklich überflüssig ist, denn wenn sie das wäre, warum machen es dann alle?

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Naja, was alle machen, muss nicht deshalb unbedingt richtig sein… hat man vor ein paar Jahrzehnten ja auch gesehen…
      Ich find es vor allem bei Regeln, die keinen anderen tangieren, schwer bis gar nicht einzusehen – also z.B. bei sowas wie Söckchen in Sandalen. Das tut ja nun wirklich keinem weh. Während eine gewisse Körperhygiene sicher sinnvoll ist 😉
      Bloß was ist mit dem Zeug dazwischen?
      Und manches ist ja von Kultur zu Kultur unterschiedlich. In Frankreich ist es ja total üblich, sich mit Küsschen zu begrüßen. Dafür ist es da total unüblich, sich zur Begrüßung zu umarmen, auch wenn man einander total gut kennt. Und Händeschütteln ist schon seeeeeehr formal.
      Was ich auch total doof finde, ist das „Gesundheit/ Hatschi“ nach einem Nieser…

      • chaosmaeuschen schreibt:

        Das mit der Begrüßung ist in Spanien auch so ähnlich. Küßchen immer, Umarmung für Leute, die man lieb hat, und Hände schütteln nur bei geschäftlichen Angelegenheiten. (Deswegen gucken gerade Spanierinnen auch immer herrlich pikiert, wenn ausländische Männer ihnen beim Kennenlernen die Hand schütteln 😀 )

        Oh, das mit dem Niesen und dem „Gesundheit!“ ist ein tolles Beispiel! Ich persönlich finde es eigentlich furchtbar, wenn mir jemand „Gesundheit“ wünscht (unter anderem, weil ich dank Murphy immer dann niese, wenn es gerade totenstill ist oder sonst wie nicht passt). Ich hab‘ mir sogar irgendwann das fast geräuschlose Niesen angewöhnt, damit die Leute es nicht merken und das lassen. ABER ich bin so darauf „gedrillt“, daß man da doch „Gesundheit“ sagt, daß a) ich es immer selbst sage und b) mir sofort auffällt, wenn es jemand nicht sagt, und ich mich frage, wieso (weil du geräuschlos niest, du Nuss?)… Total idiotisch, aber sowas kommt bei so Regeln eben teilweise raus…

      • gedankenkarrussel schreibt:

        Dieser Murphy war mir doch eh schon immer unsympathisch… bloß leider scheint er mich zu mögen, eine sehr einseitige Sache ist das :lol:.
        Genau, man ist perfekt gedrillt.

  2. Träumerin schreibt:

    „Gesundheit“ soll man heutzutage, laut Knigge, beim Niesen gar nicht mehr sagen 😉 Aber weil eben so viele es so kennen, empfinden sie es dann als unhöflich, wenn jemand es nicht sagt. Ich finde all so was auch total albern und denke, jeder soll doch einfach so reagieren, wie er möchte.
    An Modediktate passe ich mich schon mal gar nicht an und wenn jemand meint, man ist asozial, weil man Söckchen zu Sneakers trägt, dann möchte ich mit jemand so oberflächlichem gar nichts zu tun haben, ganz ehrlich.
    Insgesamt bin ich fast immer ehrlich und direkt und habe festgestellt, dass es bei den richtigen Leuten auch sehr gut ankommt. Gerade von solchem Honig-um-den-Mund Geschmiere bei Fragen wie der neuen Haarfarbe halte ich gar nichts. Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, muss er eben auch damit rechnen, dass diese nicht mit seiner konform geht 😉 Ansonsten soll er mich einfach nicht fragen.

    • chaosmaeuschen schreibt:

      Echt? Das macht man nicht mehr? *freu* Hirn! Umschalten, aber fix!

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Das mit dem „Gesundheit“ hab ich auch schonmal gehört, aber es scheint sich leider in meinem Umfeld noch nicht durchgesetzt zu haben :roll:.
      Mit Leuten nichts zu tun haben, die so doofe Regeln wie Söckchen in Sandalen haben: Ist halt schwierig, ich kann (und will) mich ja nicht komplett einigeln. Und 99,9% der Leute um mich rum finden halt Socken in Sandalen unmöglich. Und die Leute sind ja an sich schon ganz nett, auch wenn es nicht meine engsten Freunde sind.
      „Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, muss er eben auch damit rechnen, dass diese nicht mit seiner konform geht Ansonsten soll er mich einfach nicht fragen.“
      Ganz genau!!! 😀

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