Es geht immer noch schlimmer

Nein, nicht mir.
Die Aussage bezieht sich auf Leute, die Autismus heilen möchten.

Es gibt dabei die verschiedensten Meinungen und Ansätze.
Ich bin ja der Meinung, dass man Autismus weder heilen kann noch sollte, sondern lieber die Bedingungen schafft, dass unsere Gesellschaft wirklich inklusiv wird, sodass auch Autisten sich in ihr wohlfühlen und zurechtkommen. Unterstützende Therapien sind in vielen Fällen sicher auch sinnvoll, aber eben nicht mit dem Ziel, Autismus zu heilen, sondern um der Person zu ermöglichen, in ihrer Umgebung zurechtzukommen, sie zu verstehen usw. Ich strebe ja auch wieder eine Therapie an, um konkrete Probleme zu bearbeiten, aber ich bin und bleibe Autistin. Und trotz aller Probleme möchte ich auch nicht unbedingt anders sein, zumal ich nicht mehr ich wäre, wenn man alle autistischen Anteile in mir „heilen“ würde.
Generell gilt natürlich bei „Autismusheilungsgeschichten“ auch immer, dass man genau hinschauen muss, ob die „geheilte“ Person wirklich ursächlich Autist war oder auf Grund anderer Probleme autistisch wirkende Symptome zeigte (z.B. kann eine Soziale Phobie oder Hospitalismus auf den ersten Blick ggf. mit Autismus verwechselt werden).

Da gibt es Leute, die der Meinung sind, dass Autismus durch Impfungen ausgelöst wurde (die Studie, die diesen Zusammenhang nahelegt, wurde inzwischen vom Autor zurückgezogen – aus gutem Grund, sie hatte diverse Mängel). Also macht man Impfausleitungen (von mir aus, dabei passiert meiner Ansicht nach nicht wirklich was) oder impft gar nicht erst.*

Es gibt Verfechter der „Autismusdiät“, in der Regel ist diese eine Gluten- und Kasein-freie Ernährung. Ich halte es inzwischen für sehr wahrscheinlich, dass es einige Menschen gibt, bei denen wirklich Opioide daraus gebildet werden, und dass sie somit von einer entsprechenden Ernährung profitieren können. Sofern es sich um Autisten handelt, heißt das allerdings nicht, dass damit Autismus geheilt würde, sondern lediglich einige Symptome sich bessern und die Lebensqualität sich erhöhen kann. Von daher denke ich, man kann sowas durchaus versuchen, solange einem klar ist, dass das keine „Autismusheilung“ ist. Immerhin kann mit dieser Diät nicht so viel Schaden anrichten wir mit manch anderem…

Äußerst umstritten sind auch Methoden wie die ABA-Therapie oder das Bremer Elterntraining. Bei so manchen Beschreibungen gruselt es mich wirklich. Sicher sind manche Elemente sinnvoll und werden auch in anderen Therapien eingesetzt, aber wenn man diese Therapien so durchführt, wie sie eigentlich gedacht sind, tun mir die Kinder nur leid.
Und auch hier scheint es vielen darum zu gehen, dass Autismus geheilt werden soll, dass Kinder halt nicht mehr autistisch wirken sollen – egal, wie sehr man sie dafür dressieren muss.
Ich bin der Meinung, dass es einige Dinge gibt, die ein autistisches Kind lernen muss (z.B. dass man nicht ohne zu schauen auf die Straße rennt), aber der vielzitierte Blickkontakt zu den Eltern gehört da sicher nicht dazu. Da sollte besser mal die Umwelt toleranter werden – wenn sie das ist, dann bin ich im Gespräch mit ihnen auch viel konzentrierter auf den Inhalt 😉
Zu ABA u.ä. haben nach einem Artikel auf bei der Zeit vor kurzem andere gute und ausführliche Artikel geschrieben: Nett sein oder dressieren: „Zeit Online“ über ABA bei fourierfilter, Wenn Festhalten als ABArtig empfunden wird bei quergedachtes, Ist das noch Pavlov? bei realitätsfilter, Wieviel an Anpassung ist denn noch nötig bei innerwelt und Bloß nicht zu nett sein! – eine Zeitung erklärt, was Autisten brauchen

Aber worüber ich heute gestolpert bin, ist trauriger und schockierender Rekord: Man gibt den Kindern Bleichmittel (die so giftig sind, dass das Bleichen von Mehl mit diesem Mittel schon vor Jahrzehnten verboten wurde) ins Trinken und als Einlauf, da diese die angeblich Autismus auslösenden Krankheitserreger, Schwermetalle u.ä. töten bzw. neutralisieren. Die Erfolge sind wohl zwar da, doch nicht so groß, aber man macht trotzdem weiter. Mag ja sein, dass ein Kind das gewünschte Verhalten eher zeigt oder besser lenkbar ist, wenn man es langsam vergiftet oder ihm dauernd schlecht ist… vielleicht löst sich ja das „Problem“ sogar irgendwann ganz und man ist das Kind los… immerhin ist der Vertrieb von dem Zeug in Deutschland wohl verboten.
Auch hierzu haben andere schon Beiträge geschrieben, denen ich eigentlich nichts mehr hinzufügen kann:
Des Wahnsinns Kinder bei quergedachtes, Autismus “bleaching” oder wo hat Wahnsinn noch seine Grenzen? bei innerwelt und (bereits vor einem Jahr, die Methode ist also wohl nicht wirklich neu) Wie man autistische Kinder mit MMS-Einläufen foltert bei psiram.

Ich finde es eigentlich sehr traurig, dass Eltern suggeriert wird, dass man Autismus heilen muss (und kann). Natürlich sind Eltern erstmal verzweifelt, wenn sie so eine Diagnose bekommen, besonders wenn es vielleicht ein schwerer betroffenes Kind ist, das kaum Kontakt zu seinen Eltern aufnimmt. Aber wie kann man bitte soweit gehen und seinem Kind giftige Stoffe einflößen? Das begreife ich nicht. Ich hätte viel zu sehr Angst, meinem geliebten Kind zu schaden oder es womöglich gar zu verlieren. Andererseits ist es halt auch normal, dass Eltern „Fachleuten“ vertrauen. Wenn diese ihnen überzeugend klar machen, dass eine Therapie unbedingt nötig und vielversprechend ist… dabei wäre es so sehr viel sinnvoller, Eltern behutsam dahin zu bringen zu sehen, dass Autismus kein Weltuntergang ist, und ihnen aufzuzeigen, wie sie ihr Kind verstehen und unterstützen können.
Ich weiß wirklich nicht, ob manche Anbieter von „Wundertherapien“ einfach nur skrupellose Geschäftemacher sind oder so verblendet, dass sie ernsthaft glauben, was gutes zu tun.
Aber es gibt ja auch die Organisation „Autism speaks“, die auf den ersten Blick wirkt, als ob sie sich für Autisten einsetzt, sich in Wirklichkeit aber die „Ausmerzung“ von Autismus auf die Fahnen geschrieben hat, u.a. durch Entwicklung eines Gentests, damit (Spät-)Abtreibungen möglich sind. Sie erwecken klar den Eindruck, dass sie Autismus als „Geißel der Menschheit“ verstehen, den man wie Pocken, Masern und andere Krankheiten ausrotten muss :-(.



*Über das Impfen kann man sich sicher lang und breit streiten, zumal ich es für unmöglich halte, wirklich sachliche Infos zu Impfschäden und Krankheitsfolgen zu bekommen, denn entweder kommen Infos von Impfgegnern oder der Impflobby. Allerdings vermute ich, dass die Anzahl der schweren Komplikationen bei Infektionskrankheiten die Anzahl der schweren Komplikationen bei Impfungen übertrifft. Zumal vermutlich manche der Impfkomplikationen auch (oder erst recht) beim Durchmachen der Krankheit aufgetreten wären, und bei manchen Krankheiten ist die Infektionswahrscheinlichkeit doch recht hoch. Dass es nicht mehr ungeimpfte Kinder gibt, die an den Folgen von Infektionskrankheiten sterben, liegt wohl nur am „Herdenschutz“. Nur schade, wenn dann auch Menschen sterben, die nicht geimpft werden können, weil sie zu jung sind, ein defektes Immunsystem haben o.ä. Vor wenigen Tagen starb Micha, der als Baby in der Kinderarztpraxis von einem ungeimpften Kind mit Masern angesteckt wurde, und die tödliche Spätfolge SSPE entwickelt hat :-(.
Die Gefahr von Autismus wäre für mich definitiv kein Impfhindernis, selbst wenn das eine mögliche Impfkomplikation wäre.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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11 Antworten zu Es geht immer noch schlimmer

  1. Anita schreibt:

    Da ich jetzt schon die von Dir genannten Blogs gelesen habe, habe ich im Netz geschaut. Das Zeug kann man online kaufen! Der Artikelstandort hat mich dann sehr erstaunt. Deutschland! Es ist schockierend!

    Darf ich Deinen Blog verlinken?

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Irgendwie kam die Benachrichtigungsmail „etwas“ später 😕

      Leider ist es so, dass man im Internet fast alles bekommt :-(. Bei diesem MMS kann es auch gut sein, dass man es kaufen kann, weil man es ja vielleicht für seinen Swimmingpool oder zur Behandlungs von Trinkwasser braucht oder so… wobei einige Seiten, die ich auf die Schnelle gefunden hab, schon recht deutlich sind, aber zum Teil wohl aus Österreich.
      Aber ich war auch fassungslos, als ich damals nach dem Modafinil gegooglet habe – da wird sich auch in Foren in aller Offenheit ausgetauscht, wie man es am besten missbraucht, und es gibt Homepages, die es quasi bewerben und auch gleich die Bezugsquellen angeben (allerdings nicht aus D, aber teilweise zumindest mit Versand aus der EU, damit es nicht durch den Zoll muss 🙄 ).

      Vielleicht sollte ich dieses Wundermittel, das ja sogar noch zwischen guten und schlechten Bakterien differenzieren kann, ja doch mal nehmen, vielleicht verschwinden dann alle meine Probleme *ironie*
      Die Aussage „jede Veränderung ist ein Zeichen von Wirkung“ ist ja prima – so aussagekräftig wie ein Horoskop. Wenn man irgendeine Veränderung erwartet, findet man sicher auch was => es ist bewiesen, dass das Gift tolle Medikament wirkt…

  2. wochenendrebell schreibt:

    Sehr informativer Blogpost! Vielen Dank. Die Blei-Story ist heftig und muss erst einmal sacken.

  3. ka schreibt:

    nunja-die studie hatte nicht nur schwächen-die ist in Auftrag gegeben worden und der „wissenschaftler“, Wakefield hat zugegeben dass er schlicht und einfach betrogen hat.
    Die fachzeitschrift die publiziert hat, hat das sofort zurückgezogen und Wakefield ist,soweit ich weiß(ohne gewähr) sogar der titel entzogen worden.

    Das ist also nicht mal ne studie, er hat sich da einfach Mist ausgedacht-und interessanterweise war die studie nur gegen den masern-mumps-rötel dreifachimpfstoff.
    der Auftraggeber war eine firma, die nur Einfachimpfstoffe gegen Masern produziert hatte und wollte, dass der 3fach-impfstoff schlechte publicity bekommt, damit sich ihr impfstoff besser verkauft.(dass das ganze jetzt hier zu regelrechten epidemien mit toten führt, nur aus geldgierde ist eine Perversion ohne gleichen..)
    es gibt da einen netten englischen Comic zu der story: http://tallguywrites.livejournal.com/148012.html

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Ich hatte mich in das Thema nicht sooo sehr eingelesen, und bevor ich da was falsches schreibe, habe ich die Aussage halt lieber vorsichtig formuliert. „Ich halte die Studie für (sehr gefährlichen) Schwachsinn“, gibt zwar eher meine Meinung wieder, hätte ich aber so direkt nicht belegen können. Dass er da sogar finanzielle Interessen hatte, wusste ich allerdings nicht.

  4. Pingback: Autismus, Impfungen und SSPE | Gedankenkarrussel

  5. Sabine schreibt:

    ihr sprecht mir aus der seele, wie man so sagt. ich bin heute morgen noch zu fassungslos, als worte zu finden. auf jeden fall mag ich sie finden, um wenigsten ein paar menschen aufzuklären, die eine tür insich dafür offen haben.
    wie ich im inneren mit den anderen unoffenen umgehe, ist mir auch grad noch ein rätsel;
    sie scheinen sehr unbelehrbar zu sein und ein stück weit mit geschlossener tür, was das verstehende mitfühlen angeht.
    also schliesse ich mich dem an, dass eher sie eine therapie bräuchten. um mensch zu sein. menschlich, mitmenschlich.

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