Ambulant betreutes Wohnen

Ich habe gerade etwas erstaunt festgestellt, dass ich es zwar immer mal erwähnt oder auch was erzählt habe, aber (zumindest hier im Blog) nie einen ausführlicheren Bericht dazu geschrieben habe. Darauf bekommen bin ich durch die Kolumne von Birke bei ellasblog: Kolumne – das Persönliche Budget und die Suche nach kompetenten Betreuern.
Meine Erfahrungen sind zum Glück ganz anders als ihre und ich habe dort auch bereits einen Kommentar mit meinen Erfahrungen geschrieben. Aber obwohl der Kommentar schon recht lang ist, würde ich gerne ausführlicher berichten und tue das nun halt hier^^

Ich habe seit knapp 2,5 Jahren die Unterstützung durch das ambulant betreute Wohnen (ABW), allerdings nicht als Persönliches Budget, sondern als Sachleistung – d.h. das Sozialamt bezahlt den Träger, von dem die BetreuerInnen kommen. Der Vorschlag, das ABW zu beantragen, kam von meiner Therapeutin und wurde auch von meinem Psychiater unterstützt.
Ich habe daraufhin mit einem Träger Kontakt aufgenommen, wo mir auch bei der Beantragung geholfen wurde (die sich ziemlich hinzog – Behörden halt…). Der Betreuer, der sich um diese Beratungen kümmerte, hat mich auch zur Begutachtung beim Amtsarzt begleitet (wo direkt 4 Stunden pro Woche befürwortet wurden) und schlussendlich auf Grund der Kontakte mit mir eine Betreuerin vorgeschlagen, von der er sich vorstellen konnte, dass wir zueinander passen. Sowohl von ihm als auch von meiner Betreuerin wurde mehrfach klargestellt, dass jederzeit ein Betreuerwechsel möglich ist, falls ich mit ihr nicht (mehr) klarkomme.

Ich habe eine „Hauptbetreuerin“ (Heilerziehungspflegerin), der ich neulich in einem Artikel den Namen Ina gegeben habe, sowie zwei Vertretungen, die ich mal der Einfachheit mit „die Vertretungsbetreuerin“ (ebenfalls HEP) und „der Vertretungsbetreuer“ (Sozialpädagoge) benenne. Entsprechend sehe ich Ina mit Abstand am häufigsten, bei Krankheit oder Urlaub dann die Vertretungsbetreuer. Hier wurde ich auch gefragt, ob und wenn ja wie ich diese vorab kennenlernen möchte – beide kamen dann (einzeln) einmal vorbei, als Ina da war, so dass ich sie erstmal ein bisschen „beschnuppern“ konnte.
Ich duze mich mit den Betreuern, wobei wir uns ganz am Anfang gesiezt haben und dann die Frage kam, was mir lieber sei.

In der Regel habe ich 2×2 Stunden Betreuung pro Woche. Ich mache mit der Betreuung alles möglich, sehr viel Zeit entfällt auf den Haushalt u.ä., aber wir machen auch zusammen (manche) Arztbesuche, Behördenangelegenheiten, Einkäufe (wenn ich Beratung brauche oder aus anderen Gründen nicht allein gehen möchte) oder einfach einen Spaziergang oder mal einen kleinen Ausflug.
Ich habe relativ wenig soziale Kontakte, insofern unterhalten wir uns auch oft darüber, was gerade so los ist. Manchmal schildere ich auch eine Situation und frage, wie jetzt die Reaktion der anderen Person zu verstehen ist oder ob mein Verhalten (aus Nichtautisten-Sicht) „falsch“ war und wie ich mich „richtig“ verhalten hätte. Manchmal besprechen wir auch im Vorfeld, wie eine Situation ablaufen könnte und wie eine mögliche Reaktion von mir aussähe.
Eigentlich wollen wir auch mal ein bisschen was in Richtung Sozialkompetenztraining machen, aber irgendwie sind wir dazu bislang nie gekommen^^

Was mir wichtig ist und zum Glück auch meinen Betreuern: Alle Entscheidungen liegen bei mir. Ich neige dazu, mich manchmal ein bisschen zu entschuldigen, wenn ich sage „ich würde den Rest vom Putzen lieber verschieben und dafür noch ein bisschen rausgehen“ – Inas übliche Reaktion lautet dann „DU entscheidest!“ 🙂
Sie macht natürlich auch mal Vorschläge wie „was hältst du davon, wenn wir in absehbarer Zeit mal wieder das Bad putzen“ (ja, ich hasse es noch immer…) oder „vielleicht wäre Wäsche waschen mal wieder eine Idee“, aber wenn ich das nicht will, dann akzeptiert sie das voll und ganz, und sie versucht auch nicht, mir dafür ein schlechtes Gewissen einzureden oder so (und die Vertretungen genauso).
Auch wenn ich sie ratlos anschaue und sage „und nun/ was soll ich jetzt machen“, bringt sie zwar einen Vorschlag oder auch mehrere, aber am Ende ist es meine Entscheidung, was davon umgesetzt wird.

Ich habe auch schon öfter gehört/ gelesen, dass Ärzte, Behördenmitarbeiter etc. dazu neigen, nur mit der Begleitperson zu sprechen statt mit dem Autisten. Derartige Versuche sind bei Ina relativ erfolglos, denn sie schweigt die Leute dann einfach an und schaut demonstrativ zu mir rüber (außer natürlich, wenn wir es vorher anders besprochen haben). Somit ist sichergestellt, dass ich nicht ungewollt übergangen werde.

Natürlich gibt es immer mal Situationen, wo es nicht ganz glatt oder nicht ganz optimal läuft – das liegt in der Natur der Sache. Schließlich sind auch Betreuer keine Hellseher. Wichtig ist mir aber, dass solche Situationen bei uns nie in Bevormundung enden und wir hinterher dann darüber sprechen können, wie es sich in Zukunft vermeiden lässt. Ein Beispiel, was mir dazu einfällt: Ich hatte im Fahrradladen wegen einer kleineren Reparatur nachgefragt und bekam dann direkt einen Terminvorschlag. Eigentlich war ich mir nicht ganz sicher, ob ich das so jetzt zu diesem Zeitpunkt will, brachte es aber nicht fertig, das auszudrücken. Ina war sich nicht ganz sicher, ob sie eingreifen soll, und hat sich dagegen entschieden. Hinterher hat sie mich aber direkt darauf angesprochen (mir wäre es in dem Fall tatsächlich lieber gewesen, sie hätte eingegriffen) und wir haben gemeinsam überlegt, wie ich ihr in so einer Situation unauffällig mitteilen kann, dass sie sich einmischen darf/ soll.
Etwas durcheinander bringt es mich auch, wenn kurzfristig ein Termin wegen Krankheit ausfällt. Das lässt sich natürlich nie ganz vermeiden, aber ich habe sie jetzt gebeten, dass sie mich zumindest vorwarnt, wenn sie befürchtet, dass der nächste Termin ausfallen könnte. Für manchen würde es vermutlich eher Stress bedeuten, sich darüber Gedanken zu machen, und am Ende war es vielleicht gar nicht nötig. Mir selbst hilft es aber eher, wenn ich weiß, dass möglicherweise noch eine kurzfristige Absage kommen könnte.

Alle meine Betreuer sind auch immer interessiert daran, wie ich Dinge wahrnehme oder erlebe, oder werfen einen Blick auf herumliegende Bücher zu Autismus. Sie haben bei der Arbeit eine Bibliothek und sind diesbezüglich immer offen für Buchtipps. Als ich 2014 mit der Betreuung dort anfing, hatten sie noch eher wenig Erfahrung mit erwachsenen hochfunktionalen Autisten im ambulanten Bereich, aber zu Autismus an sich gab es Erfahrungen, u.a. durch ein stationäres Wohnangebot. Mir ist aber ohnehin generell wichtiger, dass jemand offen für mich und meine Wahrnehmung ist, als dass er Autismus-Experte ist (oder sich dafür hält) – mancher sogenannte Experte ist so überzeugt von seinem Wissen, dass selbiges dann über den Erfahrungen und Bedürfnissen des Autisten steht… da ist mir lieber, wenn jemand sagt „ich kenne mich zwar nicht so gut mit Autismus aus, bin aber gerne bereit, dazu zu lernen“, so wie es zum Beispiel bei meiner sehr guten Therapeutin der Fall ist.

Insgesamt ziehe ich also ein überaus positives Fazit. Die Betreuung entlastet und unterstützt mich bei vielen Dingen im Alltag und sie hält uns quasi in der Therapie den Rücken frei, weil dort nicht (wie früher) noch Dinge wie Tagesstruktur geklärt werden müssen oder ich frage, wie ich mich in einer Situation hätte verhalten sollen/ verhalten soll – sowas mache ich jetzt eben ganz überwiegend mit der Betreuung.

Wie es aktuell genau mit Beantragung etc. läuft, kann ich leider nicht berichten, da ja mittlerweile das Bundesteilhabegesetz gilt, mein Erstantrag und sämtliche Verlängerungen aber noch nach der alten Rechtslage waren. Immerhin ist ja die „5 von 9“-Regelung nicht so wie im Entwurf umgesetzt worden, ansonsten hätte ich vermutlich beim nächsten Antrag auch Probleme bekommen.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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2 Antworten zu Ambulant betreutes Wohnen

  1. elefantenblau schreibt:

    Schön auch Mal von einer guten Betreuungssituation zu lesen!

  2. Zarinka schreibt:

    „Ich habe eine „Hauptbetreuerin“ […]sowie zwei Vertretungen“
    […]
    „Sowohl von ihm als auch von meiner Betreuerin wurde mehrfach klargestellt, dass jederzeit ein Betreuerwechsel möglich ist, falls ich mit ihr nicht (mehr) klarkomme.“
    […]
    „Alle Entscheidungen liegen bei mir.“

    Mein Sohn hat da zum Glück auch andere Erfahrungen gemacht.
    (Schon irgendwie traurig was da so manche Menschen erleben und erlebt haben.)

    Genau wie hier beschrieben verhält es sich jedenfalls auch mit der Betreuung meines Sohnes (ABW seit 2,5 Jahren) …er hat bisher nichts negatives darüber berichtet.

    Kann daher hier diesem Beitrag nur voll zustimmen. Alles was hier berichtet wird, hat sich so ebenfalls bei meinem Sohn zugetragen.

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