Modernes, deutsches ABA…

Vor einigen Monaten hatte ich auf Twitter einen Thread zu ein paar Inhalten des Buchs „Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)“ von V. Bernard-Opitz geschrieben. Zum Thema ABA.
Das Buch ist insofern für uns besonders relevant, dass es erstens aus Deutschland und zweitens aktuell ist. Es handelt sich bei den beschriebenen Methoden also nicht etwa um veraltete Dinge, die „modernes ABA“ ja nieniemalsnicht machen würde, oder um Methoden, die nur im fernen Amerika angewendet werden und mit uns nichts zu tun haben.

Nachdem ich den Thread vor kurzem gesucht und nicht gefunden hatte (und dann praktischerweise jemand einen Tweet daraus gefavt hat, sodass ich ihn wieder entdeckte^^), kopiere ich die Inhalte jetzt hier in den Blog.

Den Originalthread bei Twitter findet ihr hier.

Stell dir vor, du willst einfach in Ruhe eine Treppe hochgehen oder mit deinem Ball spielen, aber du wirst ständig unterbrochen, weil du erst den Therapeuten anschauen/sonst eine Aufforderung befolgen sollst, bevor du (kurz) weitermachen darfst #NoABA #FightABA #autismus

ABA-Therapeuten finden das toll, denn die Kinder reagieren besonders gut, wenn man sie mit ständigen Unterbrechungen nervt.
(Ach ja. Deutsches Buch, aktuell. Weder ferne USA noch veraltet.)
#NoABA #FightABA

Die Autorin weist drauf hin, dass die Kinder in einem Maß gefordert werden sollen, dass sie nicht frustriert. Wie auch immer das gehen soll. Ich wäre nach der ersten Unterbrechung genervt und spätestens nach der dritten frustriert.

Steht übrigens unter der Überschrift „natürliche Lernformate / natürliche Interaktionen“…
ABA-Therapeuten verstehen darunter definitiv was anderes als ich. Bei denen heißt es nur, dass man nicht am Tisch sitzt, sondern halt „natürliche“ Situationen nutzt.

Insgesamt ist das Buch gefährlich gut geschrieben. Später wird erklärt, warum z.B. Blickkontakt ach so wichtige Voraussetzung fürs Lernen ist (wie hab ich es bloß zum selbstständigen Leben und dem Master gebracht?)
Wer nicht sehr tief in der Materie drin steckt, fällt drauf rein.

Das Wort ABA wird sorgfältig vermieden. Hab nicht jedes Kapitel gründlich gelesen, kann sein, dass es irgendwo doch mal auftaucht. Aber zum Beispiel im Index ist es nicht drin. Bei einem Buch, das faktisch ein ABA-Buch ist.

Die „milde Stressmethode“ ist auch eine Möglichkeit, die Motivation zur Kommunikation zu erhöhen. Also z. B. absichtlich den falschen Schuh oder eine zu große Hose anziehen.
(Genau das, was ein autistisches Kind vor/nach einem anstrengenden Tag braucht :roll:.)

Man kann auch einen Hammer statt des erwarteten Essens in die Brotdose tun, damit das Kind um Hilfe bitten muss.
[Oder total verzweifelt, aber das kann man dann ja auch therapieren… /s ]

Außerdem ist die Dame der Ansicht, dass herausforderndes Verhalten „oft“ die Funktion hat, Aufmerksamkeit zu bekommen. Teilweise sicher – aber „oft“?

Frage: Wie operationalisiert man „Ungehorsam“?
Antwort: Eine Aufforderung wird nicht innerhalb von 3 Sekunden befolgt.
Kann ja echt nicht sein, dass das Kind erstmal überlegt, ob die Aufforderung Sinn macht…

Klar, es gibt Situationen, wo sofortige Reaktion nötig ist, z. B. bei Gefahr. Aber im Kontext mit der Therapie dürften die eher selten sein.

Wedeln oder Drehen von Gegenständen muss natürlich auch abgestellt werden. Oder mit dem Oberkörper schaukeln, wenn man abends mit der Familie vorm Fernseher sitzt.
Echt schlimme Verhaltensweisen, total gefährlich und so…

Erkenntnis des Jahrhunderts in mehreren ABA-Büchern, die ich in der Hand hatte; so auch hier: Die Motivation des Kindes ist höher, wenn es in der gestellten Aufgabe einen Sinn sieht.

Damit es für die Eltern nicht so peinlich ist, über ein Gelände voller Studenten zu gehen, nimmt man halt dem autistischen Kind den Faden, mit dem es gerne wedelt, weg. Indem man ihn erst als Verstärker einsetzt, aber jedes Mal etwas abschneidet, bis er zu kurz zum Wedeln ist.

Von Kindern werden in der ABA-Sprachtherapie 55-70 Benennungen pro Min. verlangt.
Man sagt mir nach, dass ich schnell spreche. Ich finde das heftig viel. Man muss ja erstmal das zu benennende Objekt registrieren. Machbar ist es, wenn die Wörter nicht zu lang sind. Aber stressig.

Toilettentraining: Wenn mal was daneben ging, muss das Kind zur Toilette (Hose runter, kurz sitzen, Hose hoch, Hände waschen). Und danach noch ein paarmal zwischen Ort des „Unfalls“ und Klo hin und her, jeweils mit auf der Toilette sitzen etc. Nennt sich „Überkorrektur“.

Laut Autorin ist es „sehr aversiv, zeigt aber oft frappierende Erfolge“.
Ist mir ähnlich auch in englischen Büchern als „overcorrection“ begegnet.
Wie war das nochmal, modernes ABA ist ohne Strafen…?

Gibt im Buch auch eine Musteranzeige für die Suche nach Co-Therapeuten. Geforderte Vorkenntnisse: Keine.

So weit der Twitterthread.

Wie es zunehmend typisch für insbesondere deutsche Publikationen ist, wird erstens ABA möglichst nicht direkt erwähnt (dazu hat der Ruf gerade in Deutschland offenbar zu sehr gelitten), auch wenn es ganz klar ABA-Methoden sind. Hinter welchen Begriffen sich alles ABA verbirgt, hat Anita zusammengefasst.
Zweitens wird mal wieder sehr geschickt suggeriert, dass der ganze Drill natürlich nur zum besten des Kindes ist, weil ja all die Sachen, die vermutlich einem unbedarften Leser als sinnlose Dressur erscheinen, notwendige Voraussetzungen sind, damit das Kind überhaupt was lernen kann.
Was natürlich Schwachsinn ist, aber es klingt erstmal überzeugend. Ich habe ja selbst anfangs nicht erkannt, was wirklich hinter den vermeintlich sinnvollen Aussagen steckt.

Und man sieht auch, dass es oft wieder darum geht, dass das Kind ja nicht autistisch wirkt. Dazu, dass das ständige Maskieren schädlich ist, gibt es ja zum Glück inzwischen auch ein bisschen was an Forschung.

Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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