Klausuren, Krankschreibungen und so

Wie Hochschulen da verfahren, ist im Detail recht unterschiedlich und kann auch an derselben Uni in verschiedenen Fakultäten sehr unterschiedlich sein.
Bei den meisten dürfte es das folgende Grundprinzip geben: Anmeldung mit einer gewissen Frist vor der Klausur, eventuell Abmeldung bis eine bestimmte [kürzere] Frist vorher möglich, bei Krankheit Attest vom Arzt

In all diesen Punkten gibt es mögliche Unterschiede.

So habe ich bereits bezüglich der vorherigen Anmeldung zwei Extreme selbst erlebt. Einmal die erzwungene „Anmeldung“ im ersten Semester zu allen Klausuren der nächsten Semester zum Haupttermin, zum anderen hingegen dass die Anmeldung erst am Tag der Klausur selbst erfolgte. Oft ist es so, dass man sich bis ca. 1 Woche vorher anmelden und bis 3-7 Tage vorher wieder abmelden kann (wobei es hier wieder Unterschiede geben kann, ob es möglich ist, sich direkt nur zum Nachtermin anzumelden – ob man am Nachtermin nur mitschreiben darf, wenn man beim Haupttermin krank war bzw. nicht bestanden hat).
Die Zwangsanmeldung für alle Klausuren zum Haupttermin war in meinem Erststudium. Es kam noch dazu, dass sich zum Teil Vorlesungen überschnitten. Und als Studienanfängerin habe ich mich nicht getraut, da mal „auf den Putz zu hauen“. Heute würde ich das tun. Mal davon abgesehen, dass ich es inzwischen auch über einen Nachteilsausgleich versuchen könnte (haben halt andere, die möglicherweise genauso betroffen sind, nichts davon) – aber damals hatte ich noch keine Diagnose. Der Stress mit den Überschneidungen und Klausuren zum Haupttermin war allerdings einer der Hauptauslöser für meinen totalen Zusammenbruch. Das ging damals ziemlich schleichend.

Auch bei geforderten Attesten gibt es Unterschiede. So reichte mir an meiner alten Uni in meinem Studiengang eine einfache Arbeits-Unfähigkeitsbescheinigung vom Arzt, während andere Fakultäten detaillierte Formulare hatten, wo der Arzt alles mögliche eintragen sollte. Datenschutzrechtlich meiner Meinung nach äußerst bedenklich – und ungefähr so freiwillig wie die von Ämtern gerne geforderten Schweigepflichtsentbindungen, wo es dann heißt „natürlich ist es freiwillig – aber wenn Sie es verweigern, ist das mangelnde Kooperation und die Leistung kann nicht gewährt werden“.
Auch schön: Wenn explizit in der Prüfungsordnung steht, dass nicht der Arzt über Prüfungsunfähigkeit entscheidet, sondern das Prüfungsamt an Hand der Angaben vom Arzt. Entschuldigung, aber wer ist wohl geeigneter, Prüfungsunfähigkeit festzustellen: Ein Arzt oder ein Verwaltungsmitarbeiter?!?
Vereinzelt habe ich sogar mitbekommen, dass Fakultäten eine Liste von zulässigen Ärzten am Uni-Ort rausgeben (wenn man gerade bei den Eltern ist und da krank wird, darf man aber auch dort zum Arzt, was für eine Gnade…). Ich frage mich ja, was Ärzte tun müssen, um auf so eine Liste zu kommen. Eine Strichliste führen, wie viele Studenten bei ihnen eine Krankschreibung wollten und wie viele eine bekommen haben – wer die meisten Studenten ohne Krankschreibung wegschickt, gewinnt? Oder muss man vielleicht den Leiter des Prüfungsamtes gut kennen?
Ärzte werden unter Generalverdacht gestellt, dass sie „falsche“ Krankschreibungen rausgeben.

Womit wir schon beim nächsten Punkt sind. Sicher wird es beim einen Arzt leichter als beim anderen sein, eine Krankschreibung zu bekommen. Nur: Wer definiert, wann eine Krankschreibung gerechtfertigt ist? Bei körperlichen Erkrankungen ist es meist halbwegs klar (auch wenn es hier sicher einen Grenzbereich gibt), aber bei psychischen schon schwieriger – und Prüfungsangst ist oft explizit als zulässiger Grund ausgeschlossen. Das finde ich absolut daneben. Wenn Studierende unter Prüfungsangst leiden, sollte es Hilfsangebote geben, nicht unnötigen Druck.
Aus Sicht des Prüfungsamts wären vielleicht ein oder zwei Krankschreibungen, die ich an der alten Uni hatte, auch nicht „gerechtfertigt“. Aus Sicht meiner Hausärztin waren sie es, weil ich psychisch zu fertig war. Und ich bin ihr sehr dankbar, dass ich sie bekommen habe.

Und überhaupt halte ich das ganze Phänomen von „Doc Holiday“ etc. hauptsächlich für ein Symptom eines kranken Systems. Würden die Unis nicht unnötig Druck aufbauen, wären viele Krankschreibungen nämlich überhaupt nicht nötig.
Warum nicht einfach eine Voranmeldung zu einem beliebigen Termin, damit man weiß wie viele Leute maximal kommen, aber wer nicht kommt, kommt halt nicht? Gut, es sind dann vielleicht ein paar Bäume unnötig gestorben, weil ein paar Klausuren übrig sind, aber das halte ich in dem Kontext für zu verschmerzen. (Man könnte es machen wie eine Fakultät an meiner aktuellen Uni, die übrig gebliebene Klausuren an die Fachschaft gibt, sodass die nächsten Jahrgänge sie zum Üben haben.)
Ich habe es in meinem Masterstudium erlebt, dass es so ganz gut funktioniert. Und war dankbar, dass ich nicht zum Arzt musste, wenn ich kurzfristig merkte, dass es mir doch zu viel ist. Bei dieser Gelegenheit zum Beispiel.

Die zwei mir bekannten Argumente dafür, dass man zum ersten Termin mitschreiben muss, sind übrigens:
1. Wer zum zweiten Termin schreibt, hatte mehr Zeit zum Lernen und dadurch einen Vorteil. Dazu sage ich nur: Na und? Es hat doch jeder die Wahl, wann er schreibt, und ob er diesen „Vorteil“ möchte oder nicht.
2. Studierende neigen dazu, die Klausuren vor sich herzuschieben und können dann ggf. (bei Nichtbestehen) erst nächstes Jahr den Zweitversuch in Anspruch nehmen. Meine Meinung dazu: Grundsätzlich sind Studenten erwachsene Menschen und das Risiko, ggf. erst ein Jahr später die Klausur nachschreiben zu können, ist bekannt. Wenn sich jemand trotzdem dafür entscheidet, sollte das akzeptiert werden. Was das Rausschieben angeht: Das sollte die Hochschule sicher im Blick behalten (wozu gibt es heute denn überwiegend elektronische Systeme?) und ggf. ein Beratungsgespräch anbieten. Halte ich für wesentlich sinnvoller als Zwang mit den Folgen, dass es oft Stress und unnötig schlechte Noten bedeutet. Oder halt nicht bestandene Klausuren, was beim zweiten oder gar dritten (und somit meist letzten) Versuch nur zu noch mehr Druck führt.
Ich habe es selbst einmal so gemacht, dass ich einfach zum ersten Termin nicht erschienen bin (= durchgefallen), weil ich keine Nerven für einen Arztbesuch hatte – es war allerdings ein Fach, wo ich mir sicher war, dass ich mit ausreichend Lernzeit den zweiten Versuch bestehen kann. Trotzdem war es eine zusätzliche psychische Belastung für mich, dass es für mich dann halt schon der zweite Versuch war.

Gerade vor dem Hintergrund der Diskussionen dazu, dass psychische Erkrankungen bei Studierenden zunehmen und dass es zu viele Studienabbrecher gibt, fände ich es wichtig, solche einfahrenen Systeme mal zu hinterfragen. Und zu überlegen, was eigentlich so schlimm daran ist, wenn man Studierenden in diesem Punkt weniger Stress verursacht.
Und es will mir wirklich nicht in den Kopf, warum sich da selbst Professoren verweigern, die sonst sehr offen für uns Studierende und unsere Meinungen waren und auf einiges eingingen (ich war in meiner alten Uni in der Fachschaft und diversen Gremien).

Aktuell bin ich übrigens damit beschäftigt, rauszufinden, was an meiner Uni eigentlich auf dem Attest stehen muss. Dank der großzügigen Regelungen brauchte ich bislang noch keines. Bei den Formularen vom Prüfungsamt steht leider nur „hier Attest anhängen“… mal schauen, ob ich noch Informationen dazu finde, ob eine einfache Krankschreibung reicht oder ob die Uni da zu den Datenschutzverächtern gehört und mehr möchte. Da es um die Bearbeitungszeit für die Masterarbeit geht, brauche ich ein Attest, falls mein aktueller Infekt sich nicht zeitnah verzieht.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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