Der einfachere Weg

Das Leben ist so viel einfacher, wenn man nicht die eigene Meinung hinterfragen muss.
Wenn man keine Fehler eingestehen muss.
Wenn im Zweifelsfall immer die eigene Ansicht, die eigene Definition von etwas die einzig Wahre ist.
Wenn man neue(re) Forschungsergebnisse einfach ignoriert.
Wenn man die Welt in schwarz und weiß, in Gut und Böse einteilt.
Wenn man alles einfach so hindreht, wie es ins eigene Weltbild passt.

Der Anlass, diesen Artikel zu schreiben, ist der aktuelle Blogpost von quergedachtes.

Meist bin ich bislang nur auf Leute getroffen, die zwar sehr erstaunt und vielleicht auch erstmal skeptisch sind, dass ich Autistin bin, aber offen für Erklärungen sind und am Ende meist feststellen, dass das doch Sinn macht.
Doch ich bin auch schon in einem Forum auf eine hitzige Diskussion gestoßen, wer denn nun der „wahre Diagnostiker“ sei. Da wurde dann behauptet, dass Diagnosestelle A die Diagnosen leichtfertig verteile und jeder eine bekomme und dass nur der ein „echter“ Autist ist, der von Prof. X aus B diagnostiziert wurde.
Der einfachere Weg wäre jetzt, sich auf eine von den beiden Seiten zu schlagen, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen und zu sagen „Ich habe aber Recht!!!!“.
Der aufwendigere, aber mMn bessere Weg ist, zuzugeben, dass Autismusdiagnosen tatsächlich mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind und dass es durchaus real vorkommen kann, dass Stelle A jemanden mit Autismus diagnostiziert, den Stelle B nicht diagnostizieren würde. Denn selbst wenn es Kriterien gibt, muss man sie ja noch füllen, z.B. was man unter „Routinen“ versteht – denn gewisse Routinen hat vermutlich jeder; und auch sonst hat so ziemlich jeder den ein oder anderen Charakterzug, der bei Autisten „typisch“ ist. Der eine schaut vielleicht mehr auf das Gesamtbild und legt dann auch mal ein Kriterium etwas großzügiger aus, während der andere ganz streng Kriterien abhakt. Im Extremfall erfüllt womöglich sogar jemand die Kriterien, der in Wirklichkeit etwas ganz anderes hat.
Wenn ich mir anschaue, aus welchen Gründen zum Teil Diagnosen vergeben oder ausgeschlossen werden, fände ich es durchaus erwägenswert, ob (anerkannte) Autismusdiagnosen nur von Leuten mit einer gewissen Erfahrung gestellt sollten, z.B. in Autismuszentren oder bei entsprechender Ausbildung und Fallzahl von mir aus auch in eigenen Praxen; dann gerne auch von Psychologen und nicht nur von Psychiatern. Allerdings ist dabei wichtig, dass die Leute nicht so auf Autismus fokussiert sind, dass sie nur noch daran denken – es gibt ja doch einiges, was differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden muss. Und natürlich müsste es genügend solcher Zentren geben und genauso natürlich wird man auch dann keine 100%ige Sicherheit haben…
Aber wenn die Experten untereinander anfangen zu streiten, wer denn nun die „richtigen“ Diagnosen stellt, wird es lächerlich – und wenn das andere Leute, ob jetzt Autisten oder nicht, tun, ebenso. Und sehr verunsichernd ist es noch dazu.

Das Bild vom Autisten hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewandelt. Asperger ist mehr und mehr ins Bewusstsein gerückt (was dazu führt, dass manche es schon wieder für eine Modediagnose halten), aber dennoch denken viele bei Autismus offenbar immer noch an nicht-sprechende, schaukelnde Menschen mit geistiger Behinderung oder vielleicht noch an Savants mit irgendwelchen Superbegabungen – und auch dass Autismus grundsätzlich etwas ganz Furchtbares ist, was um jeden Preis wegtherapiert werden muss.

Manch ein „Experte“ scheint die Neuerungen der letzten 10 – 20 Jahre irgendwie verschlafen zu haben.
Bei manchen steckt wohl auch die Befürchtung dahinter, für die „schwerer Betroffenen“ (wie auch immer man das definiert, Mela hat dazu einen guten Artikel geschrieben) – die in deren Augen wohl die „echten“ Autisten sind – nicht mehr genug Unterstützung zu bekommen, wenn plötzlich „jeder Normalo“ eine Autismusdiagnose bekommen kann. Diese Angst kann ich verstehen und sie ist vielleicht auch nicht ganz unberechtigt, aber die Ansicht „nur schwer Betroffene sind echte Autisten“ ist eben mal wieder der einfache Weg aus der Misere, der nur leider nicht zur Realität passt. Auch Menschen mit normaler Intelligenz, die sprechen können und es vielleicht sogar undiagnostiziert ins Erwachsenenalter geschafft haben, brauchen u.U. Hilfe. Und wenn nicht, dann ist das doch schön – aber kein Grund, Autismus auszuschließen.

Wer eine Autismusdiagnose anzweifelt, attackiert meiner Meinung nach übrigens mindestens zwei Beteiligte: den Autisten, der sich das dann wohl nur einredet und womöglich böswillig den Diagnostiker getäuscht hat, und den Diagnostiker, der entweder Diagnosen fälschlicherweise stellt/ „hinterschmeißt“ oder so doof war, auf eine Täuschung reinzufallen

Aber auch in anderen Bereichen kommen mir immer mal solche Gedanken – z.B. wenn ich die Kommentare unter Artikeln zu Flüchtlingen lese. Das Weltbild „alle Flüchtlinge sind Terroristen, Sozialschmarotzer und überfordern unseren Staat“ ist indiskutabel – aber das andere Extrem „wir nehmen alle Flüchtlinge auf, bringen sie in ausreichend großen Wohnungen dezentral unter und integrieren sie perfekt“ ist nicht nur unrealistisch, sondern auch wenig zielführend. Die Ursache der Probleme liegt ganz woanders, und da könnte die deutsche Politik und Wirtschaft durchaus mal dran gehen…

Und nein, ich behaupte nicht, dass ich davor sicher bin, selbst denselben Fehler zu machen. Aber ich hoffe sehr, dass mich dann jemand darauf hinweist und ich etwas professioneller damit umgehen kann als manch ein „Experte“ oder Politiker oder Kommentarschreiber.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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