Ist denn nicht jeder ein bisschen autistisch?

Bislang ist mir sowas eher als Nebenbemerkung untergekommen bzw. ich kannte es aus Erzählungen von anderen.
Jetzt „durfte“ ich es selbst erleben. Ich habe jemandem aus der Gemeinde in Unialt-Stadt davon erzählt, den ich jetzt nicht wahnsinnig gut, aber auch nicht gar nicht kenne. Es ergab sich irgendwie so, zumal er weiß, dass ich Probleme hatte/ habe und in der Klinik war. Außerdem ist das Schlafen auch bei ihm eine Dauerbaustelle.

Die erste Reaktion war also „ich denke ja immer, dass jeder mehr oder weniger autistisch ist“.
Exakt.
Du sagst es.
Mehr oder weniger.
Die meisten Menschen eher weniger, ich mehr.
Geht man vom Spektrumsbegriff aus, den ich auch für sinnvoll halte, macht das ja auch Sinn.
Nur weil jemand ein, zwei Eigenschaften hat, die bei Autismus typisch oder sogar Diagnosekriterium sind, ist er kein Autist. Auch 3 Eigenschaften machen ihn nicht unbedingt dazu.
Für eine Diagnose muss man ja nun doch diverse Kernkriterien erfüllen und viele Diagnostikstellen vergeben eine Diagnose auch nur dann, wenn es (noch) Probleme gibt. Selbst wenn man „nur“ schon sehr gut gelernt hat zu kompensieren, aber in der Kindheit und Jugendzeit alle Kriterien klar erfüllt waren, bekommt man dort nicht unbedingt eine Diagnose.

Und dann ging es mal wieder in die Richtung „man muss Dinge lernen [und das kann man ja auch als Autist]“.
Ja, kann man, aber in gewissen Grenzen.
Ja, kann man, aber es kostet Kraft – sowohl das Lernen als auch die Kompensationsstrategien.
Ja, kann man, aber das kann dauern – unter Umständen vielleicht auch länger, als ich auf dieser Erde bin…
Natürlich lernt man, und natürlich automatisiert man mit der Zeit Prozesse – meine Analysen von Mimik, Tonfall etc. laufen inzwischen auch relativ automatisch, aber bei „Unklarheiten“ „meldet“ sich der Kopf und verlangt, dass ich aktiv mitdenke und das vorliegende „Datenmaterial“ interpretiere.
Ich weiß bei vielen Dingen, wie sie theoretisch gehen, aber ich kann sie nicht oder nicht immer (je nach Tagesform) umsetzen.
Oder sie würden mich so viel Kraft kosten, dass für den restlichen Alltag nicht mehr genug übrig wäre. So ist es aktuell mit dem Telefonieren, ich habe keine Kraft und nicht die Zeit, dass ich mich dann 3 Tage „lahmlege“, weil ich einen Arzttermin brauche. Dann lasse ich halt meine Mutter anrufen.

Ich will mich nicht hinter meiner Diagnose „verstecken“ oder mir das Leben „zu leicht“ machen. (Hat er mir in diesem konkreten Fall auch nicht unterstellt – zumindest nicht so, dass ich es gemerkt hätte…)
Aber ich sehe dadurch meine Grenzen klarer, auch wenn ich sie noch nicht endgültig rausgefunden habe. Ich will manches lernen, aber bei manchem denke ich eben auch, dass ja mein Umfeld mal etwas mehr Rücksicht nehmen könnte. Es gibt Dinge, die andere nicht viel kosten, für mich aber eine große Erleichterung sind – z.B. wenn akzeptiert wird, dass Blickkontakt für mich schwierig ist oder ich von mir aus nicht irgendwo anrufe.

Ein weiterer „Klassiker“ kam dann am Ende noch, nämlich „wenn du dich mal umschaust, dann wirst du sehen, dass eigentlich alle anders sind und sich ‚fremd‘ fühlen“.
Ja, jeder ist anders.
Ja, es gibt auch andere Menschen, die sich mal einsam/ anders/ wasweißich fühlen.
Dennoch gibt es sowas wie „durchschnittlich ist es so“.
Dennoch sind z.B. die allermeisten anderen Menschen grundsätzlich in der Lage, intuitiv Dinge in Gesprächen zu erkennen, die ich nur durch rationale Überlegungen rausbekomme.
Und das macht den Unterschied.

Der Vergleich mit dem Klavierspieler, den er brachte, war eigentlich gar nicht so schlecht. Am Anfang weiß man nicht, wie man seine Finger sortieren soll, aber mit der Zeit gehen die Figuren ganz automatisch. Dennoch gibt es – wie auch er dann sagte – Grenzen, denn es gibt nun mal musikalische und nicht-musikalische Menschen.
Mir fehlt halt in manchen Bereichen z.B. der sozialen Interaktion die „Musikalität“.

Und da bin ich eben gerade dabei, rauszufinden, wo meine Grenzen und Prioritäten liegen, was mir machbar erscheint und was nicht, was dringend ist und was warten kann.
Und ich weiß, dass vieles sehr lange dauern wird. Und mit „lange“ meine ich eben nicht ein paar Wochen oder Monate, sondern vielleicht auch Jahre bis Jahrzehnte.
Und es wird wohl immer sein, dass manches mich trotz aller Automatisierung mehr Kraft kostet als andere.

Mein Gehirn arbeitet einfach wie-auch-immer anders, entsprechend ist mein Denken, Fühlen und Handeln anders. Ich bezweifle, dass ich das durch Lernen komplett „umbiegen“ kann. (Mal davon abgesehen, dass ich das vielleicht nicht unbedingt will…)

Also: Liebe Mitmenschen, nur weil ihr auch mal eine Nacht schlecht schlaft/ nicht gerne umarmt werdet/ euren Tag nicht organisiert bekommt, seid ihr nicht gleich Autisten! Und nur weil jemand nicht sichtbar eingeschränkt ist wie ein Rollstuhlfahrer, kann er nicht automatisch fast alles lernen, wenn er sich nur genügend Zeit dafür nimmt.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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9 Antworten zu Ist denn nicht jeder ein bisschen autistisch?

  1. Ein großartiger Blog :).

  2. sabrinastolzenberg schreibt:

    Hat dies auf Sunnys Space rebloggt und kommentierte:
    Ein sehr schöner kritischer Blog zu Autismus 🙂

  3. Esther Schramm schreibt:

    Sehr geil, danke für den Artikel! Ich finds auch nervig, wenn Leute die Anstrengungen, denen autistische Menschen begegnen, durch solche Kommentare bagatellisieren.

  4. maria john schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Er enthält die Antworten auf viele Fragen, die ich mir im Hinblick auf Autismus auch schon oft gestellt habe. Angelehnt an einen Werbeslogan für eine Limonade „Sind wir nicht alle ein bisschen….“ Wenn mir zukünftig jemand so kommt, werde ich ihn mit einem Lächeln hierher verweisen 🙂

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