Ein Kommentar zur Verhaltensbeobachtung bei ABA

Vor kurzem gab es im Zusammenhang mit einem Beitrag auf der Facebook-Seite von DRadio Wissen eine lange Diskussion zu ABA. Dort gab es einen fundierten Kommentar zur Verhaltensforschung.

Mit Erlaubnis der Verfasserin (ganda) kopiere ich ihn für meine Leser einmal hier in den Blog:

Ich kenne mich mit dem „Naturwissenschaftlichen“ ein wenig aus, da Verhaltensforschung mal mein Spezialinteresse war. Ich habe noch keinen Text von ABA-Vertretern gelesen oder gehört und noch kein Video gesehen, in welchem der Teil der Verhaltensbeobachtung korrekt angewendet wurde. Es werden nur die Verhalten registriert, die den ABA-Anwendern in ihrer Voreingenommenheit in den Kram passen. Auf Seite der Autisten wird Verhalten gar nicht beobachtet und daraufhin analysiert, sondern direkt bewertet und eingeteilt. Es spielt keine Rolle, ob ein Verhalten dem Autisten nutzt, ob es wichtig für ihn und sein Wohlbefinden und seine Funktionsfähigkeit ist, es wird als autistisch und somit falsch bewertet. Es werden äußere und innere Einflüsse, die das Verhalten beeinflussen könnten, komplett ignoriert. Auf Seiten der „Therapeuten“ wird nur lobendes, positiv verstärkendes Verhalten benannt und bewertet. Aversiva werden angewandt, aber bei der Beschreibung dessen, was gemacht wird, niemals als solche benannt, obwohl sie es de facto sind. Es wird auch nicht beobachtet oder analysiert, wie eine Reaktion des Therapeuten auf Autisten wirkt, sondern von normativen Vorstellungen ausgegangen, als seien diese allgemeingültig. Dass Dinge, wie hohe, schrille Lobestöne, Körperkontakt, Lichtreize für Autisten nicht angenehm oder neutral sind, sondern aversiv wirken, wird ignoriert.

ABA basiert auf der Voreingenommenheit nichtautistischer Menschen, dass ihre Art zu sein und zu kommunizieren richtig und die autistische Art zu kommunizieren und zu sein, falsch ist und geändert werden muss. Diese Prämisse ist durch nichts belegt und absolut unwissenschaftlich. Das hat mit „Naturwissenschaft“, objektiver Beobachtung und möglichst objektiver Bewertung unter Einbeziehung aller für ein Verhalten relevanten Faktoren genau gar nichts zu tun. Wenn es wenigstens das leisten würde, müsste man noch über die Ethik dabei reden. Aber ABA leistet nichtmal das. Und jedesmal, wenn jemand ABA in Zusammenhang mit naturwissenschaftlichen Methoden bringt, schreit mein Ethnologenherz gequält auf.

ABA kann dazu führen und tut es in vielen Fällen laut Erfahrungsberichten, dass Autisten nicht geholfen wird, sondern ihnen geschadet wird. Es kann evtl. zu erlernter Hilflosigkeit führen (das ist ein Fachbegriff), zu Unfähigkeit für sich selbst zu sorgen, sich selbst wahrzunehmen (etwas, dass für Autisten ohnehin schwierig ist), zu Unselbständigkeit. Und im schlimmsten Fall kann es zu komorbiden psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angststörungen, PTBS, OCD beitragen oder führen. Das wurde bisher allerdings meiner Kenntnis nach kaum untersucht. Sollte es aber.
Ich beschäftige mich wegen meiner Hunde mit Verhaltens- und Kognitionsforschung und versuche, mich daran zu orientieren, was aktueller wissenschaftlicher Stand ist. Vieles, was ABA-„Therapeuten“ mit kleinen Autisten machen, mache ich bei meinen Hunden längst nicht mehr. Weil es schadet … unserer Beziehung, dem Wohlbefinden meiner Hunde und den Trainingsfortschritten.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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