„ABA betrifft dich doch gar nicht!“

Das ist ein beliebtes Argument, aktuell tobt die Debatte im Blog der Aktion Mensch, nachdem sie ja Montag erfreulicherweise mitgeteilt haben, dass sie keine Projekte mit ABA mehr fördern werden.

Immer wieder heißt es, dass ABA
– nur für (wahlweise: kleine) Kinder sei
– nur für „schwer betroffene“ Autisten sei
– nur für … sei
Die Entscheidung sollten die Betroffenen (Eltern und Kinder) fällen, aber mir stehe so ein Urteil doch nicht zu.
Denn es betreffe mich ja nicht.

Das stimmt – ein bisschen. Und es stimmt auch wieder nicht.
Es stimmt insofern, dass mit mir keiner ABA gemacht hat und hätte und ich auch nie in der Gefahr stand, dass jemand sowas mit mir macht. Meine Mutter findet die Methode nämlich gruselig, und von daher wäre ich sogar „safe“ gewesen, wenn ich schon in der Kindheit diagnostiziert worden wäre.

Aber ansonsten stimmt die Aussage nicht. Es geht mich an, wenn anderen etwas geschieht, was nicht gut ist, sie selbst sich aber nicht wehren können. Ich habe schon in der Schule ständig Ärger bekommen „bist du M.s Anwalt“, wenn ich andere gegen unfaire Lehrer verteidigt habe. Ich muss Dinge nicht selbst erlebt haben oder in der ‚Gefahr‘ stehen, sie selbst zu erleben, um sie – ggf. nach genauerer Betrachtung – abzulehnen.
Wie ich Sonntag schrieb, hatte ich anfangs keine Ahnung, was ABA überhaupt genau ist. Die Bedenken kamen erst im Laufe der Zeit, ich führe sie jetzt hier nicht noch einmal alle auf, nachdem ich sie vor kurzem ja gerade beschrieben habe.
Dass die Methode „effektiv“ ist, bezweifle ich nicht, oder wie fotobus gestern zwar in deftigen Worten, aber sehr treffend auf Twitter schrieb:

Ich halte aber neben der Methode auch die Ziele für falsch. Das bedeutet nicht, dass zum Teil mit ABA nicht auch Dinge erarbeitet werden, die ich sinnvoll finde, z.B. eine Kommunikation, die auch für andere verständlich ist. (N.B.: Kommunikation muss nicht immer Lautsprache heißen! Und auch Schreien oder Treten ist eine Form der Kommunikation…) Ich bin nur der Ansicht, dass alle wirklich wichtigen und guten Ziele sich auch auf andere Art und Weise erreichen lassen. Vielleicht dauert es länger, ist anstrengender und nicht so gut messbar. Aber definitiv kindgerechter und im Gegensatz zu ABA frei von psychischer Gewalt.

Von erwachsenen Autisten, die ABA bekommen haben, höre ich Negatives über ABA (siehe unten).
Langzeitstudien, die erstens einen Zeitraum von mehr als wenigen Jahren betrachten, zweitens methodisch sauber sind und drittens v.a. nicht nur primär „Erfolg“ daran messen, wie viel weniger autistisch eine Person ist, kenne ich keine.

Und die Kinder, die jetzt klein sind, können nun mal nicht selbst entscheiden. Wer sagt „die Betroffenen sollen entscheiden“, meint somit in aller Regel faktisch nur die Eltern. Diese wollen sicher das beste für ihr Kind, aber ihnen wird auch vieles eingeredet oder Alternativen werden verschwiegen (auch hierzu habe ich vorgestern etwas geschrieben).
In dem Zusammenhang habe ich ja einige Elternblogs verlinkt, Anita hat mittlerweile den Artikel Wie geht das denn nun… geschrieben, den ich ja auch rebloggt habe. Dort schreibt sie etwas zu Alternativen zu ABA. Auch auf den Seiten von Autismus Kultur gibt es einiges an Informationen.

Fakt ist: Kinder, an denen heute ABA angewendet wird, können sich in der Regel nicht selbst wehren. Ich halte die Methode für einen Verstoß gegen das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, das Grundgesetz (die Würde des Menschen ist unantastbar) und die UN-BRK. Also stehe ich auf und setze mich für ein Ende derartiger Methoden ein.
Ganz egal, ob ich nun selbst davon direkt „betroffen“ bin oder nicht.

Seiten/ Blogs/ Twitter-Accounts von Autisten, die ABA erlebt haben und sich aus ihren Erfahrungen heraus dagegen aussprechen:

Außerdem lesenswert: Ethische Kritik an der Autismus-ABA-Industrie (original: The Misbehaviour of Behaviourists) von Michelle Dawson sowie der das Posting „You don’t speak for Low-functioning autistics“ (englisch) auf http://lysikan.tumblr.com

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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Eine Antwort zu „ABA betrifft dich doch gar nicht!“

  1. atarifrosch schreibt:

    „Dich betrifft es doch nicht“ ist das Pseudo-Argument derer, die Solidarität für ein überholtes Konzept halten. Oder anders, solche Leute haben eine grundsätzlich antisolidarische oder eben auch egoistische Einstellung.

    Mich erinnert das an die Autofahrer, denen ich – unterwegs als Fußgänger – sage, sie sollen ihre Autos nicht auf dem Radweg parken. Die meinen auch immer wieder, ich sei ja gerade nicht mit dem Fahrrad unterwegs, was mich das also angehen würde? – Das ist dieselbe Grundeinstellung.

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