Ein paar Dinge zu ABA – was es (nicht) ist und Hintergründe

Heute gab es auf Twitter ein paar längere Tweetketten zu ABA (oder besser: noABA ;-)), die ich jetzt hier auch nochmal in Textform festhalten möchte.

Die drei Ketten im Überblick (ihr könnt auch „springen“):

  1. Alternativen zu ABA
  2. Ein paar wissenswerte Dinge zu ABA
  3. Noch ein paar Dinge zu ABA, u. a. bzgl. Erwachsenenpsychiatrie

1. Alternativen zu ABA

Diese Kette ist von mir, hier der Ausgangstweet – es ist eine Sammlung von Blogartikeln mit Alternativen zu ABA:

Da oft die Frage kommt, worauf man achten sollte und v. a. was man denn statt #ABA machen kann:
zum Beispiel Ergotherapie, Logopädie, unterstützte Kommunikation, TEACCH (natürlich immer unter der Prämisse, dass es gut gemacht ist) #noABA
Ein paar Blogartikel/ Texte dazu:

Kommunikation mittels Gebärdensprache von Silke Bauerfeind: Autismus und Gebärdensprache

Silke war auch an der Stellungnahme von Autismus Mittelfranken gegen #ABA beteiligt – in dieser finden sich neben den Kritikpunkten auch Informationen zu Alternativen (ab S. 10): Stellungnahme gegen ABA

Ebenfalls (u. a.) von Autismus Mittelfranken stammen diese Prüfkriterien für Therapieangebote: Therapien und Methoden

Physiotherapie als begleitende Förderung bei Autismus: Autismus und Physiotherapie – Interview mit Erfahrungsbericht

Ein Artikel von @AnitaWorks9698 dazu, wie sie ohne ABA ihre Kinder fördert und welche Therapierichtungen in Frage kommen, inkl. Alltagsbeispielen: Wie geht das denn nun?

Eigentlich ein offener Brief, aber @maedel76 beschreibt im Absatz „Welche Alternativen gäbe es zu ABA“ auch Erfahrungen mit ihrem damals nonverbalen Sohn: Offener Brief an Herrn Hüppe

Das Kind und seine Verhaltensweisen verstehen, Stress reduzieren sowie dem Kind Strategien an die Hand geben, wie es in der Welt klar kommen kann von @andersbunt: Und was macht ihr dagegen?

Strukturierung vom Alltag und Handlungen (-> Handlungsplanung) mittels TEACCH von @andersbunt: TEACCH und Paul

Einige typische Äußerungen zu ABA unter die Lupe genommen von @andersbunt– unter anderem zu der gern gemachten Aussage, dass ABA das einzig evidenzbasierte und alternativlos sei #noABA: ABA-Rhetorik

ein Beispiel, wie eine gute Förderung aussehen kann von @andersbunt: Ein Beispiel für Autismustherapie
Und in ihrem Blog gibt es noch viele weitere gute Artikel.

2. Ein paar wissenswerte Dinge zu ABA

Die Kette ist von @ganda und wird mit ihrer Erlaubnis hier auch als Text veröffentlicht. Die Kette im Original bei Twitter beginnt mit diesem Tweet.

ABA != Verhaltenstherapie. Es ist eine rein behavioristische Verhaltenstherapie, die z.B. mit kognitiver VT gar nichts zu tun. Psychotherapie ist bei Autismus nur dann indiziert, wenn es darum geht, einen Umgang damit zu finden. Normangleichung ist keine Therapie.

Bezüglich ABA gibt es nur Studien, die von Prämissen ausgehen, die nicht belegt sind. Z.B. dass Autisten gewisse Skills nicht von alleine erlangen, nicht allein lernen können. Dass durch intensiven Input von außen sich das Nervensystem „normaler“ entwickelt.
Dass es gut und hilfreich für Autisten ist, durch intensiven Input dazu gebracht zu werden, sich „normaler“ zu entwickeln. Nicht bedacht werden dabei Langzeitfolgen. Die Studienqualität ist meist mangelhaft. Es wird nicht bedacht, dass Autisten etwas evtl. durchaus bereits können, es aber meiden, weil es unangenehm ist. Wenn sie es dann unter intensivem Input doch zeigen, wird es als „Lernerfolg“ verbucht, obwohl das nicht klar ist. Es werden Methoden auf eine Weise angewandt, wie sie im modernen Hundetraining schon lange als unethisch gelten.

Es wird gelogen, was das ausschließliche Verwenden von positiver Verstärkung angeht. Ein Großteil von ABA besteht aus Strafe (negative/positive). Es wird negiert, dass Autisten vornehmlich implizit lernen. Man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben.
Leider gibt es zu den Langzeitfolgen von ABA oder auch Camouflaging bei Autisten (weniger übergriffig, aber mit ähnlicher Wirkung/Folgen). Es gibt nur unzählige Berichte und wahrscheinlich kann man kommorbide Erkrankungen (Depresssionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen) …
zu einem erheblichen Teil genau darauf zurückführen. (Also die typischen Kommorbiditäten bei Autismus) Mit Fakten belegen ist nicht ganz einfach, wenn es kaum/keine Forschung dazu gibt und die Forschung die es gibt, mangelhafte Qualität und erhblichen Bias aufweist.
Förderung und Unterstützung von Autisten sollte nicht gegen sie arbeiten. Sie sollte sie in ihrer Selbstwahrnehmung unterstützen. Selbstwertgefühl fördern. Inkl. dem Einfordern und Durchsetzen ihrer Bedürfnisse.

Bei fast allen Erfahrungsberichten (auch positiven) von ABA-Eltern stellt sich heraus, dass die Kinder sich in der Anfangszeit heftig gegen die Behandlung wehren. Wenn das kein Indiz für schädliche Behandlung ist?
Evtl. lernen sie durch das intensive Training gar nicht, sich „besser“ zu verhalten, es folgt lediglich erlernte Hilflosigkeit. Die Kinder ergeben sich in die Situation. Auch das wird dann in Studien als Lernerfolg verbucht.

3. Noch ein paar Dinge zu ABA, u. a. bzgl. Erwachsenenpsychiatrie

Noch ein bisschen was zu ABA und warum es durchaus auch für den Erwachsenenbereich relevant sein kann. Es handelt sich um meine Antwort auf diesen Tweet:

Das Problem ist, dass man in D unter „Verhaltenstherapie“ eigentlich KVT versteht – und die hat ja mit ABA und davon abgeleiteten Methoden trotz der Namensähnlichkeit praktisch nichts zu tun.
ABA ist in Deutschland im Übrigen auch keine anerkannte Psychotherapieform, sondern wird in der Regel als Lerntherapie verkauft.

Einer der vielen Kritikpunkte erwachsener Autisten: Bei ABA wird idR davon ausgegangen, dass Autisten nicht von selbst lernen können und in vielen Fällen ist das Ziel der „optimal outcome“, d. h. dass die Diagnosekriterien nicht mehr erfüllt werden. (Belege für diese Aussagen kann ich auf Wunsch gerne liefern.)

Auch der zugrunde liegende Behaviorismus wird zum Teil kritisch gesehen, beispielsweise von Prof. Baron-Cohen.
WHAT SCIENTIFIC IDEA IS READY FOR RETIREMENT? – Radical Behaviorism

Ich kann gut nachvollziehen, dass ABA für Sie als Erwachsenenspezialist nicht das Hauptthema ist – allerdings hat es zum Teil auch Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter. Menschen, die ABA erfahren haben, äußern sich oft negativ und kämpfen lange mit den Folgen bis hin zu PTBS.
Es gibt aber leider praktisch keine Studien dazu, was mögliche negative Spätfolgen von ABA-Therapien angeht.
Ich wäre an solchen Studien sehr interessiert.

Genauso wird mit ABA oft „unerwünschtes Verhalten“ abtrainiert.
Nicht immer, aber doch in etlichen Fällen handelt sich dabei um Skills wie Stimming. Prof. Dr. Tebartz van Elst schreibt in Kapitel 6.​1.​2.​7 von „Autismus und ADHS“, dass sie zum Teil Erwachsenen solche Methoden zur Anspannungsregulation wieder beibringen.

Daher sehe ich durchaus auch eine Relevanz für den Erwachsenenbereich – und auch für das gerade entstehende Forum zur Forschung könnte es ja vielleicht ein interessantes Thema sein.

Zum Abschluss meine persönliche Sicht, warum ich ABA als schlimm empfinde:
Was ist an ABA eigentlich so schlimm

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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