Von der „Mücke“ (einem blöden Sitzplatz) zum „Elefanten“ (Overload)

Kleine Warnung: Der Text ist „etwas“ länger geraten… aber wenn ich ihn jetzt deutlich kürzen würde, könnte ich ihn auch gleich bleiben lassen. Ich schildere im Prinzip nur einen Zeitraum von etwa 2 Stunden und zeige dabei, wie aus einer (eigentlich) Kleinigkeit ein Overload mit nur knapp unterdrücktem Meltdown wird. Aber vielleicht hilft es ja doch dem ein oder anderen, ein bisschen nachvollziehen zu können, wie sowas aus einer scheinbaren Kleinigkeit entstehen kann.

Mein Orchesterleiter hat auch einen Kirchenchor, indem ich manchmal mitsinge (und einige andere Mitspieler auch).

Jetzt hatten wir mal wieder einen Gottesdienst, wo wir ein paar Stücke gesungen haben.
Oben auf der Bühne sind meist nicht genug Sitzplätze für alle. Das ist ok, das kommt öfter vor – dann sitzen eben einige Leute unten und gehen für die Teile, wo der Chor singt, hoch. Normalerweise stehen dann Stühle auf dem Boden, die einfach die Linie von der Bühne verlängern (nur eben etwas weiter unten) oder aber es werden die normalen Bänke/ Stuhlreihen in der Nähe genutzt. Da sitze ich auch ganz gerne, ist wenigstens nicht so mittendrin mit rechts und links Menschen bzw. die Stühle stehen zumindest nicht ganz so dicht wie auf der engen Bühne.

Nicht so dieses Mal. Der Chorleiter kam auf die Idee, ein paar Stühle an eine schräge Kante zu stellen, sodass die dort Sitzenden dann einen wunderbaren Ausblick auf die letzten Stuhlreihen und die Wand haben, mit dem Chor ganz und der Kanzel weitgehend im Rücken. Leider war ich wieder bei denen, die auf diesen Stühlen saßen. Für mich fühlte es sich da an, als ob zumindest jeder beim Reinkommen irritiert hinschaut und man total auf dem Präsentierteller sitzt. Der Ausblick auf die Wand mit allem relevanten Geschehen im Rücken fühlte sich an, als ob man mich als unartiges Kind in die Ecke gestellt hätte. Und dadurch, dass man eben doch noch ein paar Reihen im Blick hatte, gab es nicht wenigstens als „Ausgleich“ keine Leute, die einen anschauen würden.

Plan, der den im Text beschriebenen Raum illustriert

die bunten Punkte sind die Stühle, der blaue ist meiner

Ich war schon am Vortag den ganzen Tag bei einer Veranstaltung, wobei ich im Hinblick auf den Sonntag schon nur verkürzt an der Veranstaltung teilgenommen hatte – vor allem, weil ich relativ früh aufstehen musste. (8 Uhr ist nie meine Lieblingsuhrzeit. Schon gar nicht am Sonntag.)
Die Nacht war durchwachsen, ich hatte einige Stunden wachgelegen. Der Infekt ist auch noch nicht weg, wobei die Stimme immerhin so weit da war, dass Singen möglich war.
Sprich: Es waren am Morgen ohnehin schon nicht die besten Voraussetzungen, aber unter normalen Umständen wäre es ohne größere Probleme machbar gewesen.

Dass die Geschichte mit dem blöden Sitzplatz mich komplett in den Overload getrieben hat, finde ich tatsächlich ziemlich frustrierend, zumal ich mir relativ sicher bin, dass ich es nicht komplett verbergen konnte…
Es war also eigentlich alles recht normal, bis es an die Sitzplätze ging. Der Chorleiter hat noch mit den Musikern was geprobt und wir sollten leise auf die Bühne gehen. Zwischendurch sagte er dann noch, dass wir diese Stuhlreihe unten am Bühnenrand aufbauen sollen. Als ich fragte, ob wir nicht in die [zu diesem Zeitpunkt noch freie] Bankreihe in der Nähe könnten, meinte er nur „später“. Der Zeitplan war eng, zwischen Ende der Anspielprobe und Beginn des Gottesdienstes waren nur 10 Minuten. Und die in Frage kommende Bankreihe war natürlich inzwischen auch besetzt.
Von den anderen, die mit mir in der Reihe saßen, war eine ebenfalls der Ansicht, dass der Platz eine Zumutung ist. Nachdem an den viel beschäftigten Chorleiter kein Rankommen war, beschlossen wir, uns einfach auf die Bank an der Wand zu setzen. Leider musste ich nochmal schnell zur Toilette. Ich bat die andere Sängerin, meine Mappe mitzunehmen, falls wir uns doch noch einmal umsetzen.
Dreimal dürft ihr raten, was sie nicht gemacht hat… Ich kam knapp 2 Minuten vor Beginn wieder in die Kirche, um festzustellen, dass wir doch auf den blöden Plätzen sitzen müssen. Und dass sie meine Sachen _nicht_ mitgenommen hat. Ich war schon während der Anspielprobe sehr angespannt, hatte aber eigentlich noch die Hoffnung gehabt, dass wir doch noch einen etwas angenehmeren Platz finden.
Und als ich dann also kurz vor Beginn feststellte, dass ich keine Chance mehr hab, da wegzukommen, war Ende. Noch Beruhigungsmittel zu nehmen hätte nichts gebracht, dafür war es zu spät. Vermutlich wäre das Klügste gewesen, rauszurennen und mich im Gemeindehaus zu verstecken… (Meine Sachen konnte ich nicht mehr holen, die waren an zu vielen Orten verteilt – also hätte ich nicht heimfahren können.) Aber eigentlich war ich nicht umsonst so früh aufgestanden, ich fand das Stück schön und hatte mich gefreut, dass meine Stimme zum Mitsingen ausreicht. Mal davon abgesehen, dass ich auch zu diesem Zeitpunkt schon massiv aufgefallen wäre.
Es blieb mir also nichts anderes übrig, als panisch meine Sachen von der Bank an der Wand zu holen (wobei ich noch die dunkle Chormappe auf dunkler Bank übersah und nochmal zurückmusste). Ich war kaum am Stuhl angekommen und legte mein Zeug ab, als schon die obwohl-versprochen-Notennichtmitbringerin meinte, ob ich nicht meinen Rucksack in eine Ecke bringen könnte. Eigentlich habe ich den gerne bei mir, weil ich garantiert irgendwas im Rucksack vergesse, was ich brauche. Das passiert schon meistens, wenn es mir gut geht, im zunehmenden Overload entsprechend erst recht. Immerhin waren es nur die Tempotücher, die ich vergaß, und während der Gemeindelieder musste ich dann halt immer mal die Nase hochziehen…

Ungefähr die erste Hälfte des Gottesdienstes habe ich damit zugebracht, einen Heulkrampf zu unterdrücken – hauptsächlich dadurch, dass ich die Kiefer zusammengepresst und mir auf die Lippen gebissen habe (und kein Wort gesagt bzw. bei den Gemeindeliedern nicht mitgesungen habe) und durch „Fingernägel in den Handrücken drücken“. Irgendwann fiel mir auf, dass ich am nächsten Tag einen Termin habe, wo ich eigentlich nicht will, dass jemand das sieht, daraufhin bin ich auf „Fingernägel in die Handfläche“ drücken übergegangen, aber da war es schon zu spät. Für einen Außenstehenden sah es vermutlich aus, als ob ich aller Welt demonstrieren will, dass ich schlechte Laune habe und beleidigt bin, dass ich meinen Willen [einen anderen Platz] nicht bekommen habe. Wie es in mir aussah und wie groß die Verzweiflung war, wird wohl keiner realisiert haben können.
Ich war auch sehr von mir selbst genervt – mir war ja klar, dass es für mich wesentlich leichter würde, wenn ich mich mit dem Platz einfach abfinden würde.
Aber. Es. Ging. Nicht. (Doof kam und komme ich mir allerdings trotzdem vor.)
Es war zumindest gefühlt keine Frage des Wollens mehr. An einem besseren Tag und idealerweise mit etwas mehr Zeit, mich darauf einzustellen, hätte ich das irgendwie kompensieren können und mich vielleicht auf dem Platz nicht mal so mies gefühlt; in jedem Fall hätte ich an einem besseren Tag aber wenigstens nach außen hin noch wesentlich besser funktionieren können.

Wie ich es geschafft habe, das erste Chorstück nach 10 Minuten oder so mitzusingen, ohne heulend zusammenzubrechen, weiß ich nicht.
Irgendwann kurz vor dem (längeren) zweiten Stück war ich dann zu erschöpft für Panik. Dafür hatte ich das Gefühl, jeden Augenblick umzukippen. Und entsprechend wendete ich meine Energie dafür auf, mich drauf zu konzentrieren, dass ich nicht umkippe.
So nebenbei begann ich allerdings zu überlegen, ob ich wohl in der Lage sein würde, nach dem Gottesdienst auch nur ein Wort zu sprechen. Auch das gelang mir irgendwie, zumindest habe ich ein (vermutlich nicht allzu freundliches) „gleichfalls“ rausgequetscht, als die mir jemand einen schönen Sonntag wünschte.
Blieb nur noch die Frage, ob ich heil heimkommen würde, oder ob ich nicht zu fertig war, um Radzufahren. Ich habe tatsächlich kurz überlegt, ob ich mein Rad da lasse und jemanden frage, ob er mich mitnimmt. Aber ich mochte mein Rad dort nicht stehenlassen.

Beim Zusammenpacken landete ich dann zum Glück neben einer von zwei Personen dort, die mich gut kennt. Dadurch wurde ich dann so weit ruhig(er), dass ich mir das Heimradeln zugetraut habe. Sie war offenbar etwas erschrocken ob der Heftigkeit meiner Reaktion auf diesen Platz – sie meinte, dass sie ihn überhaupt nicht als schlimm empfinden würde. Aber immerhin konnte sie hinnehmen, dass _ich_ ihn schrecklich fand. Sie meinte dann auch, dass ich dem Chorleiter nochmal sagen sollte, dass sowas für mich nicht geht. Allerdings finde ich es im Bezug auf diese Situation jetzt nicht ganz einfach, denn ich habe ja kein grundsätzliches Problem damit, nicht auf der Bühne zu sitzen. Sicher, ich habe gesagt, dass ich den Platz nicht gut finde, aber ich bin mir recht sicher, dass für ihn nicht erkennbar war, _wie_ extrem es für mich ist, auch wenn er von meinem Autismus weiß. Zumal er selbst alles andere als fit war und bei einer Anspielprobe noch mehr zu tun hat, als mich im Blick zu behalten.a
Die andere Person brachte mich immerhin darauf, dass man die Spuren an den Händen notfalls mit einer Katze erklären könnte. Gut, im Zweifelsfall habe ich mich also mit einer Katze gestritten 😉

Sobald ich zu Hause war, habe ich mich ins Bett verkrochen. Dass ich mich ins Bett verkrochen habe und nicht in die Dusche (der einzige Platz in meiner Wohnung, wo ich auf drei Seiten Begrenzungen habe), zeigt, dass ich tatsächlich aus der akuten Anspannungs-Verzweiflungs-Panikphase wieder raus war, dafür aber in der totalen Erschöpfung.

Vor 20 Jahren hätte ich bei so einer Sache vermutlich einen heftigen (scheinbaren) „Wut-/ Trotzanfall“ hingelegt, so ungefähr 1 Minute vor Gottesdienstbeginn. DAS konnte ich heute immerhin noch verhindern, aber viel hat nicht gefehlt und meine Hände bekamen es zu spüren. Vermutlich ist es ganz gut, dass hinter mir keine Wand war… ich bin mittlerweile relativ gut darin, meinen Kopf (wenn auch nicht allzu fest) sehr unauffällig dagegen zu hauen…
Es war einfach eine Situation, wo auch kein Skill mehr half bzw. die Skills, die meine Hände hätten „retten“ können, waren schlichtweg in der Situation nicht anwendbar.

Irgendwie sollte ich wohl versuchen, meinem Chorleiter diese Situation zu erklären, ohne dass es ein so langer Text wie hier wird. Und vor allem ohne dass es entweder komplett aggressiv und vorwurfsvoll rüberkommt oder aber als viel zu „harmlos“, sodass er gar nicht wirklich verstehen kann, wo da ein größeres Problem war. Mal schauen, ob ich da mit meiner Betreuerin vielleicht einen sinnvollen Text zusammenbasteln kann. Auch so im Hinblick auf die Zukunft.

Und ich sollte wohl mit meiner Betreuerin und/ oder meiner Therapeutin Strategien für solche Situationen entwickeln. Die Lösung, mich vor solchen Auftritten mit Beruhigungsmittel abzuschießen, finde ich nämlich nicht sonderlich erstrebenswert. (Genauso wenig wie die Lösung, gar nicht mehr mitzumachen.)

Es bleibt, dass es sich für mich einerseits anfühlt, als ob ich „aus einer Mücke einen Elefanten“ gemacht hätte und als ob ich mich einfach nur verrannt habe, dass der Platz unmöglich ist. Und gleichzeitig das Gefühl, dass ich in der Situation komplett überfordert und hilflos war und nicht anders konnte. Aber der Zweifel ist da – vielleicht hätte ich ja doch anders gekonnt, wenn ich mehr Bereitschaft gezeigt hätte, mich drauf einzulassen, wenn ich mich doch mehr angestrengt hätte, nichts nach außen zu zeigen?
Auch wenn es sich in der Situation völlig unmöglich anfühlte, weil Verzweiflung und Panik übermächtig waren.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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Eine Antwort zu Von der „Mücke“ (einem blöden Sitzplatz) zum „Elefanten“ (Overload)

  1. lizzzy07 schreibt:

    Wir haben gestern auch im Gottesdienst gesungen – glücklicherweise von der Empore. Aber es kamen im Vorfeld ein paar Dinge dazwischen, so dass ich zur Ansing-Probe schon sehr gestresst und halb wahnsinnig ankam. Meine Noten habe ich dann auch in Richtung Sopran geworfen. Ich habe mich dann bis zum Schlussstück so weit gefangen gehabt, dass zumindest dieses ziemlich gut klang. Das nächste Konzert ist schon in 2 Wochen. Dafür ist heute Abend eine Probe am Ort. Bin mal auf die Akustik gespannt, denn wir singen von unten ohne Sichtkontakt zur begleitenden Orgel und in einer anderen Kirche als sonst zu Konzerten (kenne sie „nur“ von gelegentlichen Gottesdiensten). Und mir gelingt es meistens, dass ich in der zweiten Reihe, akustisch und sichttechnisch günstig stehe. Und: Auch mal kurz vorher noch etwas zurechtruckeln ist kein Problem. Spannend ist jetzt auch, dass wir mit einem zweiten Chor zusammen singen. Also: gewisse Unterschiede zu einem normalen Konzert sind absehbar. Macht bestimmt einiges aus. Allerdings bin ich noch gespannter (jedes Jahr aufs neue) auf das Konzert noch 2 Wochen später – eins mit allen Chören und Instrumentalgruppen der Region – viel Potential für drunter und drüber.  Das Weihnachtskonzert am dritten Feiertag ist dagegen bekannte Bahn mit viel Orchester (denke, du weißt, wie das Bach’sche Weihnachtsoratorium anfängt). Läuft wie geölt, bin anschließend erledigt, aber happy.

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