Vitamin D gegen Autismus?

Entsprechende Schlagzeilen liest man immer mal wieder. Ich habe mir jetzt mal einige Studien zu dem Thema näher angeschaut.
Mein Fazit: Es gibt möglicherweise tatsächlich unter Autisten einen erhöhten Anteil von Menschen mit Vitamin D-Mangel, wobei auch die Vitamin D-Versorgung in der Gesamtbevölkerung meist nicht optimal ist. Bei einem Mangel (und nur dann!) ist eine Supplementierung auch sinnvoll.

Ganz kurz und knapp zum Hintergrund von Vitamin D: Vitamin D ist für sehr viele verschiedene Prozesse mitverantwortlich. Es ist ein Prohormon, d.h. es wird im Körper zu einem Hormon (Calcitriol) umgewandelt. Enthalten ist es in den meisten Lebensmitteln nur in recht geringen Mengen, es kann aber durch Sonnenlicht in der Haut aus im Körper vorhandenen Vorstufen hergestellt werden.
Untersucht man den Wert im Labor, sollte der Wert 25(OH)Vitamin D bestimmt werden; dieses ist die Speicherform von Vitamin D. Die Ansichten über den wünschenswerten Serumspiegel sind nicht ganz einheitlich, man kann aber in etwa sagen:
<10 ng/ml: massiver Mangel (im Englischen „deficiency“)
<20 ng/ml: Mangel (im Englischen „insufficiency“)
20 ng/ml wird auch meist als untere Grenze von Laboren angegeben. Viele Wissenschaftler sind allerdings der Ansicht, dass ein Wert von mind. 30 ng/ml wünschenswert wäre.
Je nach Angabe gelten Werte ab 70-90 ng/ml als Überversorgung, wobei erst ab Werten von etwa 150 ng/ml Probleme zu erwarten sind.
Diese Angaben sind in ng/ml, manchmal werden auch nmol/l statt ng/ml angegeben, wobei 1 ng/ml dann 2,5 nmol/l entspricht.
Auf Vitaminpräparaten sind die Werte oft in „Internationalen Einheiten“ (IE) angegeben. 1 µg entspricht 40 IE. Die empfohlene Aufnahme für verschiedene Alterstufen können auf den Seiten der DGE nachgelesen werden.
Es ist umstritten, ab welcher Zufuhr wirklich mit Problemen insbesondere bzgl. des Calciumhaushalts zu rechnen ist. Wichtig ist zu wissen, dass überschüssiges Vitamin D (wie auch Vitamin A und andere fettlösliche Vitamine) nicht einfach ausgeschieden, sondern im Körper gespeichert wird. Eine höhere Zufuhr als von der DGE empfohlen sollte immer mit dem Arzt bgesprochen werden! Dies gilt ganz besonders, wenn noch weitere Präparate eingenommen werden, da es zu Wechselwirkungen kommen kann – auch mit Medikamenten, Vitaminen und sonstigen Stoffen, bei denen man es als Laie nicht unbedingt erwartet.

Es gibt drei hauptsächliche Hypothesen, die in Studien untersucht wurden:

  1. Autisten haben im Durchschnitt geringere Vitamin D-Spiegel als die restliche Bevölkerung.
  2. Vitamin D verringert die (zentralen) Symptome von Autismus.
  3. Vitamin D in der Schwangerschaft verringert die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind autistisch ist.

Zu diesen drei Hypothesen gab es folgende Ergebnisse:

  1. In den meisten Studien fand sich tatsächlich ein verringerter 25(OH)Vitamin D-Spiegel bei Autisten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Allerdings war auch diese oft nicht im optimalen Bereich.
    Es werden verschiedene Gründe sowohl organischer als auch sozialer Natur diskutiert. Es ist aber nach wie vor unklar, ob Autismus den Vitamin D-Spiegel beeinflusst, ob der Vitamin D-Spiegel für Autismus (mit)verantwortlich ist oder ob es eine weitere Variable gibt, die beides beeinflusst.
  2. Hierzu gibt es noch nicht allzu viele Studien. Einzelne Studien berichten von einer Verbesserung der autistischen Kernsymptome. Was mir hierbei allerdings auffiel: Vor Beginn der Studie waren die Kinder durchschnittlich maximal im Bereich von 20-30 ng/ml, also noch unter dem wünschenswerten Wert von 30 ng/ml, danach deutlich darüber. Ich würde nicht ausschließen, dass die Verbesserung vielleicht einfach daran liegt, dass danach der Vitamin D-Spiegel im „optimalen“ Bereich lag. Interessant fände ich eine Studie, die untersucht, ob es auch bei optimal mit Vitamin D versorgten Kindern eine Veränderung der autistischen Symptome gibt – das wäre allerdings medizinisch und ethisch mit großer Vorsicht zu betrachten, da eine Überdosierung ernsthafte Schäden hervorrufen kann
  3. Hierzu gibt es einige Untersuchungen, die zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Die Tendenz geht dahin, dass ein Vitamin D-Spiegel im „optimalen“ Bereich eventuell präventiv wirkt.

Etliche Studien waren methodisch eher schwach: keine oder nicht passende Kontrollgruppen, keine Randomisierung, keine Verblindung… Daher sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten.

Ich lese daraus im Prinzip das, was ich oben bereits kurz schrieb: Wahrscheinlich gibt es – aus welchen Gründen auch immer – bei Autisten durchschnittlich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung verringerte Vitamin D-Spiegel. Werden die Spiegel in den wünschenswerten Bereich angehoben, verbessern sich eventuell manche Symptome. Dies gilt möglicherweise auch für schwangere Mütter.
Also alles nicht sonderlich überraschend ;-).

Es wird in einigen Studien auch diskutiert, ob man insbesondere Autisten auf Grund dieser Ergebnisse präventiv Vitamin D geben sollte, da die Spiegelbestimmung relativ teuer, Vitamin D hingegen recht preiswert ist. Hierbei muss allerdings eine Überdosierung unbedingt vermieden werden. (Für Deutschland würde ich den oben verlinkten Empfehlungen der DGE folgen und ansonsten mit dem Arzt darüber sprechen.)

Ein Beispiel, wo es zu einer Überdosierung mit üblen Folgen kam, gab es in Großbritannien: Ein autistisches 4-jähriges Kind bekam auf Geheiß eines Naturheilkundlers Vitamin D und noch alle möglichen anderen Dinge und landete dann im Krankenhaus, wo es aufwendige Behandlungen benötigte. In diesem Fall war es vermutlich nicht die Vitamin D-Dosis alleine (wobei 3000 IE im Allgemeinen schon deutlich zu viel sind, das Kind hatte einen Vitamin D-Spiegel von 2130 nmol/l bei einem Normbereich von 50-150 nmol/l), sondern auch die Kombination mit den anderen Präparaten und der Kamelmilch zur Hypercalciämie führten. Den Bericht gibt es hier (im Volltext allerdings nicht frei zugänglich), und bei yahoo gibt es einen frei zugänglichen Artikel.

Für diejenigen, die es genauer wissen möchten, stelle ich im Folgenden noch einige Studien etwas näher vor, darunter auch eine Review-Studie (also eine Studie, die andere Studien untersucht und die Ergebnisse zusammenfasst). Leider sind nicht alle Studien frei zugänglich.

  1. Autism and lack of D3 vitamin: A systematic review von Giovianni Pioggia et al. (betrachtet wurden Studien aus den Jahren 2010 bis Mitte 2014)
    Die deutliche Mehrheit der hier betrachteten Studien kamen zum Ergebnis, dass der 25(OH)Vitamin D-Spiegel bei Autisten deutlich geringer war als in den Kontrollgruppen.
  2. Vitamin D Deficiency in Adult Patients with Schizophreniform and Autism Spectrum Syndromes: A One-Year Cohort Study at a German Tertiary Care Hospital von Dominique Endres et al. (untersucht 2015 in Freiburg, Open Access)
    Diese Studie hat eine Gruppe (Erwachsene) von 60 Personen mit schizophreniformen Erkrankungen sowie 23 Autisten untersucht, die im Jahr 2015 stationär in Freiburg waren. Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die Autisten, diese waren stationär für Diagnostik, autismusspezifische Therapie (FASTER) und zur Behandlung komorbider Erkrankungen wie z.B. Depressionen. Als Kontrollgruppe diente eine historische Kohorte mit n=3917 aus dem Jahr 1998 vom Robert-Koch-Institut.
    Im Gesamtergebnis hatten die Autisten sehr niedrige Werte, knapp 80% der Autisten hatten Spiegel von weniger als 20 ng/ml, 50% lagen sogar unter 10 ng/ml. Nicht einmal 10% waren im wünschenswerten Bereich von 30 ng/ml und mehr.
    Die Kontrollkohorte ist von 1998 und nicht bzgl. Alter, Geschlecht etc. angepasst, dort waren die Werte insgesamt etwas besser.
    Es ist nur eine kleine und nicht repräsentative Stichprobe, aber ich finde die Studie daher interessant, dass sie aus Deutschland stammt und somit am besten zu unseren Lebensumständen passt. Und die Werte waren schon erschreckend niedrig.
  3. Randomized controlled trial of vitamin D supplementation in children with autism spectrum disorder von Khaled Saad et al. (durchgeführt 2015 in Ägypten)
    Diese Studie untersuchte Hypothese 2). Die Studie war randomisiert und doppelblind (damit fiel die Studie mir direkt positiv auf…) und wurde mit 109 Kindern mit ASS im Alter von 3-10 Jahren durchgeführt. 55 Kinder bekamen Vitamin D, 54 Kinder waren in der Placebogruppe. Die Dosis in der Vitamin D-Gruppe betrug 300 IE/kg/Tag, maximal aber 5000 IE/Tag. Kinder mit extrem niedrigen Werten (< 10 ng/ml) wurden im Vorfeld ausgeschlossen und direkt mit Vitamin D behandelt. Die Autismus-Symptome wurden anhand diverser Tests/ Fragebögen gemessen.
    Dies war eine der Studien, wo mir auffiel, dass die Kinder im Vorfeld eher niedrige Werte hatten (Durchschnitt bei 26 ng/ml), nach der Behandlung dann aber durchschnittlich im Bereich von über 40 ng/ml waren.
    Bei einer weiteren Studie aus China war es ähnlich.
  4. Autism: Will vitamin D supplementation during pregnancy and early childhood reduce the recurrence rate of autism in newborn siblings? von G. Stubbs et al. (durchgeführt in den letzten Jahren in Oregon, Open Access)
    Bei dieser Studie wurden schwangeren Frauen (n=19), die bereits ein autistisches Kind hatten, 5000 IE/ Tag gegeben, den Kindern ab Geburt 1000 IE/Tag bzw. den stillenden Müttern 7000 IE/Tag. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass im Alter von 3 Jahren weniger Kinder autistisch waren als statistisch zu erwarten war.
    Die Studie ist methodisch recht schwach – es gab weder eine Kontrollgruppe noch eine Verblindung und n=19 ist auch eine sehr kleine Stichprobe. Ich werde leider auch aus der Tabelle nicht schlau, wann da bei wem die Spiegel von 25(OH)Vitamin D und Calcium gemessen wurden. Mich würde auch hier interessieren, ob die Werte der Mütter vom unteren Normbereich (oder sogar darunter) in den Normbereich angehoben wurden. (Falls jemand mir sagen kann, was #1 und #2 bedeuten, freue ich mich über Kommentare ;-))
  5. Maternal Vitamin D Levels and the Autism Phenotype Among Offspring von Andrew J. O. Whitehouse et al. (Australien, Schwangerschaften 1989-1991, Untersuchungen über die Jahre, Testung mit dem AQ als junge Erwachsene)
    Diese Studie betrachtet eine Stichprobe von 406 Frauen und ihren Kindern. Drei der Kinder hatten eine offizielle Autismusdiagnose, wobei die Vitamin D-Werte der Mütter in der Schwangerschaft über dem Durchschnitt lagen. Es wurde insgesamt keine Korrelation zwischen Vitamin D-Spiegel in der Schwangerschaft und den Werten im AQ gesamt gefunden. Dasselbe gilt für fast alle Subskalen, die einzige Ausnahme ist die „Attention switching scale“, wo es eine schwache Korrelation gab.
    In dieser Studie gab es zwar über 400 Teilnehmer, aber da nur drei Kinder autistisch waren, ist die Aussagekraft natürlich begrenzt. Der (Nicht-)Zusammenhang von Vitamin D- und AQ-Werten wurde allerdings für die gesamte Gruppe untersucht.
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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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7 Antworten zu Vitamin D gegen Autismus?

  1. autistanbord schreibt:

    Mein Autismus hindert mich in der Tat daran, zuverlässig vernünftige Mengen an Vitamin D zu produzieren. Dazu müsste ich ja… rausgehen… in die SONNE. Wo es hell ist, ich schnell überladen werden, wahrscheinlich viele Leute sind, ich schnell überladen werde, ich nicht optischen Input nicht richtig verarbeiten kann, weil alles zu hell ist…. usw. Dann man mich also vorzugsweise dann draußen sieht, wenn es für Vit. D gerade schlecht ausieht, und ich, wenn ich doch mal in die Sonne muss, i.d.R. lange Kleidung trage, hat wohl schon einen direkten Einfluss auf den Spiegel 😉 Insofern sehe ich da bei mir schon einen Kausalzusammenhang.

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Ich würde auch nicht ausschließen, dass es zumindest in manchen Fällen so einen Zusammenhang gibt^^ Ich schließe mich da auch durchaus selbst ein…

      • autistanbord schreibt:

        Dennoch bin ich der Meinung: Absolut *jeder* Mangel verstärkt in der Regel die zentralen Autismussymptome, denn wenn ich gesundheitlich nicht 100% auf der Höhe bin, bin ich ganz automatisch – und auch logisch – schlechter in der Lage, zu kompensieren.

      • gedankenkarrussel schreibt:

        Ich finde das Thema echt schwierig. Irgendwie scheint es bei den Ärzten überwiegend die Ansicht zu geben „ist nicht so schlimm“ oder aber das andere Extrem „Vitamine helfen gegen alles, einfach mal geben“. Ich vermisse den Mittelweg: Bei entsprechenden Symptomen abklären und bei einem Mangel dann substituieren. Wobei mE eine Substitution auch in Erwägung gezogen werden sollte, wenn der Wert gerade so eben über der unteren Grenze ist, falls entsprechende Symptome vorhanden sind.
        Dadurch, dass viele Ärzte das leider nicht ernstnehmen, probieren die Leute dann halt die Tipps aus dem Internet aus, ohne sich der Gefahren einer Überdosierung bewusst zu sein. Und dabei werden dann ja oft auch höhere Dosen genommen als empfohlen.
        Aber so nervig das ist: Ohne Abklärung, ob überhaupt ein Mangel vorliegt, Nahrungsergänzungsmittel (möglicherweise noch in sehr hoher Dosis) zu nehmen oder seinem Kind zu geben, ist gefährlich und sollte man nicht machen.
        Genauso würde ich mich nicht auf die Aussage eines Heilpraktikers o.ä. verlassen, der ohne Blutuntersuchung anhand irgendwelcher Methoden einen Mangel diagnostiziert haben will.

      • autistanbord schreibt:

        Deinen letzten Absatz möchte ich mehrfach liken bitte! Und „…oder seinem Kind zu geben…“ genau! Wer selbst rumexperimentieren möchte an sich selbst, kann das ja tun, aber an Kindern bitte NICHT.
        Ein weiteres Problem ist, dass sich viele Leute, die einfach wild irgendwelche Sachen schlucken, nicht bewusst sind, dass auch Nahrungsergänzungsmittel miteinander interagieren und dann z.B. eine hohe Dosis eines Stoffs die Aufnahme eines anderen beeinträchtigen kann.
        Dasselbe Problem gibt es ja mit den selbsternannten“Naturheilkundigen“, die gerne mal gar nicht wissen, dass eben auch ein rein pflanzenbasierter Wirkstoff als solcher auch NEBEN-Wirkungen hat, die er u. U. gar nicht möchte…

  2. sinnesstille schreibt:

    Kann mich da einreihen, sowohl ich als auch meine Tochter haben Vit-D-Mangel, der dementsprechend behandelt wird. Aber immer unter regelmäßigen Kontrollen. Sonne ist bei uns beiden leider keine wirkliche Alternative.
    Ob durch das Einnehmen von Vit-D nun Autismus Symptome verringert werden, kann ich nicht bestätigen. Allerdings haben wir auch andere Baustellen.

  3. Pingback: Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente) und Nahrungsergänzungsmittel | Gedankenkarrussel

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