Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente) und Nahrungsergänzungsmittel

Gestern schrieb ich ja einen Artikel zu Vitamin D – heute geht es allerdings allgemeiner um das Thema Nahrungsergänzungsmittel (NEM).
In der Antwort auf einen Kommentar habe ich vorhin geschrieben:

Ich finde das Thema echt schwierig. Irgendwie scheint es bei den Ärzten überwiegend die Ansicht zu geben „ist nicht so schlimm“ oder aber das andere Extrem „Vitamine helfen gegen alles, einfach mal geben“. Ich vermisse den Mittelweg: Bei entsprechenden Symptomen abklären und bei einem Mangel dann substituieren. Wobei mE eine Substitution auch in Erwägung gezogen werden sollte, wenn der Wert gerade so eben über der unteren Grenze ist, falls entsprechende Symptome vorhanden sind.
Dadurch, dass viele Ärzte das leider nicht ernstnehmen, probieren die Leute dann halt die Tipps aus dem Internet aus, ohne sich der Gefahren einer Überdosierung bewusst zu sein. Und dabei werden dann ja oft auch höhere Dosen genommen als empfohlen.
Aber so nervig das ist: Ohne Abklärung, ob überhaupt ein Mangel vorliegt, Nahrungsergänzungsmittel (möglicherweise noch in sehr hoher Dosis) zu nehmen oder seinem Kind zu geben, ist gefährlich und sollte man nicht machen.
Genauso würde ich mich nicht auf die Aussage eines Heilpraktikers o.ä. verlassen, der ohne Blutuntersuchung anhand irgendwelcher Methoden einen Mangel diagnostiziert haben will.

Und das ist mir auch wirklich wichtig. Selbst wenn es echt ätzend ist, weil der Arzt euch nicht ernst nimmt, doktort bitte nicht eigenmächtig an euch und v.a. eurem Kind rum!

Vitamine – egal ob künstlich hergestellt oder in „natürlichen“ Präparaten wie z.B. Acerolapulver oder Kamelmilch – können überdosiert werden und unerwartete Nebenwirkungen haben, dasselbe gilt für alle weiteren Mikronährstoffe.
Als Orientierung gibt es die Empfehlungen verschiedener Behörden und Gesellschaften, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen. Hierbei ist die eine Bezugsgröße die empfohlene maximale Tagisdosis bzw. auf Englisch RDA/ RDI (für Deutschland empfehle ich die Seiten der DGE), die andere das Tolerable Upper Intake Level (UI), d.h. wie viel man vermutlich pro Tag davon aufnehmen kann, ohne Probleme befürchten zu müssen. Letzteres ist aber keine Aufnahmeempfehlung! Eine Übersicht der UI-Werte gibt es in der englischen wikipedia.

Dabei muss unbedingt beachtet werden, dass sich auch die Stoffe gegenseitig beeinflussen können und dadurch z.B. die noch tolerierbare Obergrenze sinken kann. Im gestrigen Artikel findet sich dazu ja bereits ein Beispiel bzgl. Vitamin D und Calcium (und weiteren Stoffen). Je mehr verschiedene Stoffe eingenommen werden, umso größer und unabsehbarer ist das Risiko solcher unerwarteten Wechselwirkungen. Man lese als anschauliches Beispiel für die Komplexität der Wirkungen und somit auch potentiellen Wechselwirkungen mal den wikipedia-Artikel zu Calcitriol (aktive Form von Vitamin D). Außerdem muss bei der Einnahme von NEMs berücksichtigt werden, inwieweit die Stoffe bereits durch die Nahrung aufgenommen bzw. im Fall von Vitamin D durch Sonneneinstrahlung gebildet werden.

Ich zähle hier mal einige mögliche Wechselwirkungen auf. Diese sind manchmal erwünscht (z.B. wird empfohlen, zu eisenhaltigen Lebensmitteln auch etwas Vitamin C-haltiges zu konsumieren bzw. es ist in Präparaten beides drin), können aber auch das Risiko einer Überdosierung eines Stoffes (und möglicherweise daraus resultierend einer Unterdosierung eines anderen) erhöhen:

  • Vitamin C (Ascorbinsäure) erhöht die Verfügbarkeit von Eisen..
  • Zu viel Vitamin E kann zu einem Eisenmangel führen.
  • Viele zweiwertige Ionen (Eisen, Calcium, Magnesium, Zink, Kupfer…) behindern sich gegenseitig in der Aufnahme, z.B. kann ein hoher Calcium-Spiegel die Aufnahme von Magnesium verringern.
  • Vitamin D erhöht die Aufnahme von Calcium und Phosphat.

Immer beachten muss man natürlich auch die Wechselwirkungen, die entsprechende Stoffe mit Medikamenten haben können.

Selbstverständlich treten nicht immer die extremsten Folgen ein. Dieser Artikel und die Listen sollen insbesondere kein Grund sein, ärztlichen Empfehlungen, die auf Basis von Laborwerten oder medizinischen Leitlinien gegeben wurden, nicht zu folgen (z.B. Vitamin D bei Säuglingen)! Bevor ihr aber eigenmächtig entsprechende Präparate, „Superfoods“ o.ä. zu euch nehmt oder euren Kindern gebt, bedenkt diese Risiken aber bitte.

Einige Gefahren (keine vollständige Auflistung!) einer Überdosierung bei bestimmten Mikronährstoffen:

  • Allgemein gilt: Bei wasserlöslichen Vitaminen ist die Chance recht gut, dass ein Zuviel einfach ausgeschwemmt wird – wobei auch das seine Grenzen hat und durchaus eine Überdosierung möglich ist. Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) werden hingegen meist im Körper gespeichert (Ausnahme: Vitamin K) und haben dadurch ein nochmal erhöhtes Risiko für eine Überdosierung.
  • Vitamin A: Schmerzen, Hirndruck, Leberschäden bis hin zur Fibrose, generell ist es eine ziemlich lange Liste unangenehmer und gefährlicher Dinge
  • Vitamin B3 (Nicotinsäure): Blutdruckabfälle, Schwindel, Leberschäden
  • Vitamin C (Ascorbinsäure): Durchfall, Nierensteine
  • Vitamin D: Hyperkalzämie, Knochenabbau
  • Calcium: Nierensteine, Nephrokalzinose („Nierenverkalkung“), möglicherweise erhöhte Mortalität
  • Eisen: Leberschäden, möglicherweise negativer Einfluss auf neurodegenerative Erkrankungen sowie einige Infektionskrankheiten
  • Iod: möglicherweise Schilddrüsenüber- oder Unterfunktionen
  • Kalium: Muskelzuckungen, Herzrhythmusstörungen
  • Kupfer: Übelkeit, Erbrechen
  • Magnesium: Müdigkeit, verlangsamter Puls
  • Natrium (wird in der Regel ohnehin über das Salz in der Nahrung mehr als empfohlen aufgenommen): Müdigkeit, Ödeme, epileptische Anfälle, Bewusstlosigkeit
  • Phosphat: Hypokalzämie, Hyperkaliämie, Durchblutungsstörungen bis hinzu Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Selen: Leberzirrhose, Herzinsuffizienz, möglicherweise Begünstigung einiger Krebsarten sowie der Entstehung von Diabetes Typ 2
  • Zink: Übelkeit, Erbrechen, Vergiftungserscheinungen

Noch kurz zu den sogenannten (oft exotischen) Superfoods wie z.B. Gojibeeren oder Kokosöl: Diese haben meist keinen größeren Nutzen als heimische Produkte und können teilweise sogar schaden. Insbesondere exotische Produkte sind auch oft mit Schadstoffen und vereinzelt Keimen belastet (auch Bioprodukte), wie Ökotest herausfand.

 

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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Eine Antwort zu Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente) und Nahrungsergänzungsmittel

  1. autistanbord schreibt:

    Genaaaaaau das! Kann ich dir hier jetzt bitte fünf Sternchen druntersetzen?

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