Selbstverständlichkeitsverständnis

Für meinen Vater ist es selbstverständlich, dass man eigentlich alles schaffen kann, man muss sich ggf. halt überwinden und etwas zusammenreißen.
Folglich muss man Dinge, die schwierig sind, halt üben.
Ausnahme sind (eindeutige) körperliche Einschränkungen, denn die sind ja „was anderes“.
Ich habe es ja auch viele Jahre geschafft, mich in den meisten Punkten zu überwinden, sie irgendwie zu schaffen, zu überstehen.
Aber es sah keiner, wie es mir damit ging.
Wie fertig ich dann war.
Wie viel Kraft es gekostet hat.
Man sah und sieht halt, dass ich den Unitag halbwegs schaffe.
Man sieht nicht, wie ich praktisch nichts mehr hinbekomme, wenn ich heimkomme.
Wie ich auf Wochenenden und Ferien hinfiebere, weil die Kraft immer weniger wird.
Ich schaffe meinen Alltag eben nicht selbstverständlich.
Und mein Vater scheint dann auch nicht zu verstehen, dass ich bei Situationen schaue, wie wichtig sie jetzt sind.
Dass ich mir manchmal „erlaube“, mich nicht zusammenzureißen, um für unvermeidliche Situationen noch Kraft zu haben. Um mich nicht noch öfter völlig überfordert zu fühlen, denn das will ich nicht öfter als nötig.
Solche Diskussionen hatten und haben wir immer mal wieder…

Und so wie ich damals kurz nach meiner Diagnose und der oben verlinkten Diskussion mit meinem Vater schrieb „es geht auch anders“, kann ich das auch dieses Mal sagen.
In meiner Gemeinde gibt es eine Jugendreferentin, die für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen (wozu auch die Studentenareit zählt) zuständig ist. Nennen wir sie mal Ines.
Ich bin gern im Hauskreis und war auch schon beim Hauskreiswochenende oder habe bei einer Veranstaltung für die Jugendlichen mitgeholfen.
Mein größtes Problem dabei sind Spiele, z.B. die obligatorischen Kennenlernspiele am ersten Tag. Das war schon immer der größte Horror für mich. Manchmal sind die Spiele allerdings so, dass sie doch ganz ok sind oder ich sie sogar lustig finde. Von daher will ich nicht gleich sagen „ich mache nicht mit“. Für Ines ist es total selbstverständlich, dass sie auf meine Bitte hin mir vorher einen Tagesplan gibt, auch wenn der eigentlich nicht bekannt gegeben wird. Dass sie mir auf Nachfrage vorher genau erklärt, welche Spiele geplant sind. Und auch dass ich nicht mitmachen muss, selbst wenn man dazu sämtliche Planungen noch mal umschmeißen muss (weil z.B. die Mannschaftseinteilung eigentlich schon steht und es ohne mich nicht mehr aufgeht). Manchmal kommt sie sogar selbst auf mich zu, wenn sie denkt, dass etwas für mich schwierig ist.
Während ich mir noch ein schlechtes Gewissen mache („ich könnte mich ja vielleicht doch zusammenreißen und überwinden“), scheint es für Ines völlig selbstverständlich zu sein, dass sie darauf Rücksicht nimmt, so wie sie beim gemeinsamen Kochen auf unsere Lebensmittelallergiker und bei der Ausflugsplanung auf einen Rollstuhlfahrer Rücksicht nimmt. Es kommt also nie ein „muss das echt sein, kannst du dich nicht einfach mal überwinden“ oder auch nur ein „na ja, wenn es echt nicht geht… dann muss ich mal schauen… macht etwas Arbeit, kriegen wir aber schon hin…“, sondern sie reagiert ungefähr so, als ob ich nur gefragt hätte, wie viel Uhr eigentlich gerade ist.
Solche Situationen hatte ich in der Zeit hier schon öfter und mir hilft diese Selbstverständlichkeit sehr. Die „reiß dich zusammen“-Gedanken und das schlechte Gewissen sind zwar dennoch nicht ganz weg, aber trotzdem macht es mir diese Selbstverständlichkeit von ihr etwas einfacher.

(Ich selber würde übrigens genauso Rücksicht nehmen und halte es für ähnlich selbstverständlich… habe aber trotzdem ein schlechtes Gewissen, wenn es um mich selbst geht…)

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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2 Antworten zu Selbstverständlichkeitsverständnis

  1. Pingback: Nachteilsausgleich in einer Prüfung – fair? Unfair? Zweifel… | Gedankenkarrussel

  2. Anita schreibt:

    Aber diese Selbstverständlichkeit in vielen Punkten ist es doch, wo die Inklusion hinführen soll. 💡 😉

    Nun bin ich noch aus der Generation, die noch alles mit Überwindung schaffen soll/muss. Meine Eltern noch viel mehr als ich.

    Auch wir Eltern müssen lernen, dass es Selbstverständlich ist, dass nicht alles geht und vor allem nicht gehen MUSS. 💡

    Aber es sollte für Dich kein Hinderungsgrund sein, Dir diese Auszeiten und Ausweichmöglichkeiten selber zu ermöglichen.

    Und schon dreimal nicht sollte es Dir ein schlechtes Gewissen bereiten.

    Warum auch!

    Du wirst Dir selten bis gar nicht mehr nehmen, als Du wirklich brauchst. Eher wirst Du Dir zuviel aufhalsen.

    Ein gesundes Mittelmaß kann man trainieren. Und das Umfeld kann damit umgehen lernen.

    Liebe Grüße
    Anita

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