Schon wieder Medien

Dieses Mal im Zusammenhang mit einem verschwenderischen Bischof, dessen Bruder zufällig Spezialist für Asperger ist und derartige Meldungen umgehend dementiert hat.

Liebe Presse, es wäre schön, wenn ihr irgendwann kapieren würdet, dass man nicht sämtliche Straftaten, Vergnügungs- und Verschwendungssucht und was noch so gerade aktuell ist mit Autismus erklären kann. Auch wenn ihr meist nicht sagt „er war Autist und deshalb mordete er“ reichen eure impliziten, indirekten und teilweise trotzdem sehr deutlichen Anspielungen völlig aus, um Autisten zu verletzen und ihnen massive Probleme mit dem Umfeld zu verschaffen.
Ansonsten sei noch gesagt, dass Autismus zwar den Alltag komplizierter macht, aber dennoch keine Krankheit ist, die „geheilt“ werden muss/ soll/ kann. Für gewöhnlich „leide“ ich auch nicht „an“ oder „unter“ Autismus. Ich bin einfach so, mit allen Vor- und Nachteilen.
Und überlasst doch bitte die Diagnostik den Fachleuten und nicht den Nachbarn/ den Kollegen der anderen Zeitung/ dem Wetterhahn/ dem Tageshoroskop.
Danke.

Aber sowas ist ja schon beinahe Alltag. Interessanter ist allerdings der Zusammenhang, der von einem Comedian aufgestellt wird: Den Zölibat könne man nur als Autist aushalten. Ah ja. Wusste gar nicht, dass alle katholischen Priester offenbar entweder ihr Gelübde brechen oder Autisten sind. Aber man lernt ja gerne dazu *ironie*.
Auch wenn es wohl lustig gemeint war, finde ich den Witz ziemlich doof. Ich bin nämlich nicht freiwillig Single. Eine Beziehung wäre sicher für beide Seiten herausfordernd, aber trotzdem nicht unmöglich. Bislang ist mir der passende Mann noch nicht begegnet, vielleicht kommt das ja noch, vielleicht auch nicht.
Aber dieser Kommentar geht einfach mal wieder in die Richtung, dass Autisten am liebsten isoliert und ohne Kontakt zur Außenwelt leben würden. Und das ist einfach Blödsinn. Ich möchte (wie viele andere Autisten auch) gerne Kontakt haben, finde es aber schwierig, ihn aufzunehmen, aufrechtzuerhalten und zu gestalten, da ich eine Beziehung (egal, ob zu einem Ehepartner oder einer „normalen“ Freundin) sicher etwas anders lebe als der Durchschnittsmensch.

Im Gegensatz zur letzten größeren Aktion in den Medien wurde Autismus zumindest von diesem Comedian nicht als Schimpfwort gebraucht und auch nicht als Erklärung für Straftaten – aber dennoch kam es in einer Form, die ich ziemlich daneben finde. Der Rat, den wir im offenen Brief an Herrn Niggemeier gegeben haben, gilt auch hier: „…einfach mal einen Begriff durch “Behinderte” ersetzen. Wenn der Satz dann blöd klingt, ist er es auch.“
Ein weiterer Gegensatz zur letzten Aktion liegt allerdings in der Reaktion: Während Herr Niggemeier auf unsere Kritik einging und sich um Schadensbegrenzung bemühte, ist Herr Nuhr offenbar der Meinung, dass er nichts falsch gemacht habe, u.a. mit der Begründung, dass er die Info von anderer Stelle übernommen habe. Allerdings hat die FAS/ FAZ meines Wissens nicht den Zusammenhang mit dem Zölibat hergestellt. In deren Beitrag stößt mir allerdings die Formulierung mit „krank“ besonders massiv auf. Und wenn man schon Asperger als Krankheit sieht, unter der jemand leidet, sollte klar sein, dass die „angeschlagene Gesundheit“ sich nicht mit der Zeit einfach so bessert.

Und mir geht es wirklich nicht nur darum, dass ich mich teilweise von derartigen Verwendungen angegriffen oder verletzt fühle (was durchaus teilweise der Fall ist). Das beinahe größere Problem sehe ich darin, dass die breite Mehrheit dadurch ein völlig falsches Bild von Autismus bekommt – und das schlägt sich dann logischerweise im Umgang mit Autisten nieder. Wenn die Medien das Bild vermitteln, dass Autisten verschwenderische, egoistische Massenmörder sind, ist es das, was hängenbleibt. „Aufklärende“ Artikel zu Autismus (die ohnehin selten und noch seltener gut sind) dürften die breite Masse derer, die Artikel über Adam Lanza oder den Limburger Bischof gelesen haben, wohl kaum erreichen und somit an ihrer Meinung/ ihrem Wissensstand nichts ändern.

Weitere Artikel anderer Blogger:
http://innerwelt.wordpress.com/2013/10/21/ein-paar-worte-zum-statement-von-dieter-nuhr/
http://blog.geekgirls.de/mela/archives/201-Nuhr-Vorurteile.html
http://hinterglas.withdraft.com/pages/158916
http://tageshauschaos.blogspot.de/2013/10/nur-der-nuhr.html?m=1

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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Eine Antwort zu Schon wieder Medien

  1. Pingback: Ein paar Worte zum Statement von Dieter Nuhr | innerwelt

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