Viel Wirbel

Die Berichterstattung in den Medien bzgl. eines direkt oder indirekt suggerierten (kausalen) Zusammenhangs von Asperger und Amoklauf hat viel „Staub aufgewirbelt“.

Einerseits in der Bloggerszene und in Foren, naturgemäß besonders bei den Autisten unter den Internetusern. Einige Artikel habe ich ja schon verlinkt. Die meisten beziehen einfach Stellung zu dem Thema, zu den nachweislich sachlich falschen Aussagen und den Folgen, die durch diesen suggerierten Zusammenhang entstehen. Eltern in Foren fragten sich, was ihr Kind wohl in der Schule hören wird, ob sie in Zukunft noch mehr ausgegrenzt werden, weil dann erst recht keiner mehr mit ihnen zu tun haben will. Besonders bemerkenswert fand ich die Reaktion von LadyPillow, die unter dem Titel „Jetzt erst recht“ überlegt, ob sie jetzt in Zukunft zurückhaltender mit der Diagnose umgehen sollte – und zum Ergebnis kommt, dass das eigentlich kontraproduktiv wäre, weil wir einfach Aufklärung über Autismus brauchen. Das macht mir Mut, auch eher offen damit umzugehen. Stück für Stück habe ich damit in der letzten Zeit begonnen und eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht, weshalb ich diesen Weg weiter gehen möchte, weil es erstens eher meiner Natur entspricht als es zu verschweigen und ich zweitens eben auch den erheblichen Aufklärungsbedarf sehe.

In den Medien gab es verschiedene Reaktionen, Artikel wurden teilweise gelöscht oder überarbeitet. Insbesondere am Spiegelartikel wurde viel „geflickt“ (eine Löschung wird leider bislang abgelehnt), die Zeitung mit den 4 Buchstaben hat immerhin eine üble Überschrift abgeändert. Zumal man sagen muss, dass der Artikel an sich zumindest für diese Zeitung ziemlich ordentlich war und wirklich nur die Überschrift komplett daneben war…
Mittlerweile plant der Spiegel wohl eine Reihe zu Autismus. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll… an sich gut und ich hoffe, sie gehen da wirklich ernsthaft und sachlich dran. Allerdings habe ich da gewisse Zweifel, nachdem sie mittlerweile einen Artikel über den Protest verfasst haben, in dem steht, dass sie den direkten (kausalen) Zusammenhang ja ausdrücklich verneint hätten und „dennoch“ hätte Proteste gegeben – wenn ich mich nicht total täusche, stand im ursprünglichen Artikel kein Wort davon, sondern das kam erst häppchenweise WEGEN der Proteste… Auch die Entschuldigung und die (überwiegend Standard-)Antwort der Autorin auf Protestschreiben von Autisten überzeugt mich nur bedingt…

Positiv hervorgetan hat sich die Frankfurter Rundschau, die in ihrer Überschrift Sabines Artikel aufgriff und bereits am Montag einen sehr guten Artikel zum journalistischen Vorgehen veröffentlicht hat.
Ebenfalls positiv aufgefallen ist die Piratenpartei, der ich bislang nicht viel abgewinnen konnte. Ob ich das in Zukunft können werde, bleibt abzuwarten, aber ich finde es stark, dass sie eine Beschwerde beim Presserat eingereicht hat.

Negativ fällt natürlich in der aktuellen Situation wie immer die Waffenlobby in den USA auf. Selbstverständlich gibt es Amokläufe nicht nur, weil man leicht an Waffen kommt, aber es vereinfacht die Sache erheblich – und wenn der Amokläufer dann noch gut schießen kann, gibt es erst recht viele Opfer. In diesem Fall wurde der Jugendliche ja von seiner waffenvernarrten Mutter auf den Schießplatz mitgenommen, falls man den Aussagen in den Medien glauben darf…
Dennoch gibt es natürlich wieder mal eine Diskussion zum Thema Waffengesetze. Vertreter der Waffenlobby sind scheinbar ernsthaft der Meinung, dass das Problem nicht wäre, dass es zu viele Waffen gibt, sondern zu wenige – hätten die Lehrer und vielleicht sogar die Kinder eine Waffe gehabt, hätten sie sich verteidigen können. Die Logik ist so verquer, dass ich sie nicht wirklich nachvollziehen kann (und eigentlich will ich das auch nicht).
Die Muschelsucherin schreibt zur Waffenlobby einiges, sowohl zur Gesetzeslage als auch zu den Argumenten. Im Wahlkampf wurde von den Republikanern demzufolge gegen Obama angeführt, dass ein freies Land Waffen brauche, denn Situationen wie der Holocaust oder die Verfolgung und Ermordung von Dissidenten in Ländern wie der DDR oder China hätte es nur deshalb gegeben…

Und was ich in all den Artikeln nicht verstehe, die der Meinung sind, Autisten würden Menschen „einfach“ ermorden, denn sie haben ja keine Gefühle :roll:: Wenn sie keine Gefühle haben, wieso wollen sie sich denn dann (angeblich) rächen, wieso sind sie so verzweifelt, dass sie Selbstmord begehen und dabei sogar andere Menschen mitnehmen wollen, wieso wollen sie (angeblich) Aufmerksamkeit…? Wenn ihnen doch alles eh egal ist…
Mal davon abgesehen, dass Autisten meist a) sehr gesetzestreu sind (was in der revidierten Version vom Spiegelartikel auch steht) und b) einen sehr stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben. Man kann jetzt vielleicht diskutieren, ob es in ihrer Weltsicht „gerecht“ erscheinen kann, jemanden, der einen über Jahre mobbt, umzubringen, aber im vorliegenden Fall trifft das ja nicht zu, zumindest nicht komplett – mit den Kindern hatte er ja nichts zu tun (bei den anderen Erwachsenen als seiner Mutter weiß ich es nicht). Normalerweise würde ein Autist ziemlich sicher nicht „Unschuldige“ umbringen, sondern nur die „Täter“. Diese Gedanken an Rache und Selbstjustiz inkl. „ich empfinde es als gerecht, wenn ich die umbringe“ halte ich allerdings nicht unbedingt für typisch autistisch…

Nachtrag: Auch die Neue Osnabrücker Zeitung hat einen guten Artikel zur Berichterstattung in den Medien geschrieben.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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3 Antworten zu Viel Wirbel

  1. Susaenna schreibt:

    Immer wieder lustig, welche Zusammenhänge in den Medien hochgepusht werden.

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