Es geht auch anders II – Zahnärzte

Es hat also dieses Mal nichts mit meinen Eltern oder Freunden zu tun wie beim letzten Mal.

Ich war vor ungefähr 1000 Jahren oder so das letzte Mal beim Zahnarzt (ok, 1000 ist etwas übertrieben, genau weiß ich es nicht mehr, aber so 5-10 Jahre dürften es gewesen sein 😳 ). Das war noch in Heimatstadt. Damals ging es schon damit los, dass meine Mutter dabei war (sonst wär ich definitiv nicht hingegangen) und die Arzthelferin mit hochgezogenen Brauen meinte, dass man in dem Alter ja wohl ohne Mama kommen könnte. Dann wollten sie röntgen und ich musste dazu so komische Platten in den Mund nehmen, die an allen Ecken ganz böse gepiekst haben. Als ich da protestiert habe, hieß es, dass sie dann halt den Doktor holen, dass er es macht, der sei da nicht so zimperlich. Und Herr Doktor diagnostizierte dann noch zwei Vorkariesstellen im Seitenzahnbereich, die er behandeln wollte – zur Auswahl standen Amalgam (was ja wegen Quecksilber umstritten ist, weshalb ich es auch nicht will; und schön ist es auch nicht) oder Keramikinlays für ca. 500 € das Stück oder evtl. noch teures Gold, was anderes ginge an der Stelle nicht. Wäre ich nicht ich, hätte ich mir wohl eine Zweitmeinung eingeholt, aber meine ohnehin schon vorhandene Angst vor dem Zahnarzt hatte sich bei dem Termin nicht gerade gebessert… mal abgesehen davon, dass bei mir bei Arztterminen die größte Hürde meist die Terminvereinbarung ist…
Außerdem war ich damals auch beim Kieferorthopäden zur Abschlussuntersuchung, dort wurde auch geröngt und dann empfohlen, die Weisheitszähne rauszuholen, da sie die Zähne verschieben und so das Spangenergebnis verschlechtern könnten. Aus bereits genannten Gründen habe ich auch das nicht weiter verfolgt (und die Verschiebung der Zähne hätte ich in Kauf genommen), zumal eine Weisheitszahn-OP ja nun wirklich nichts tolles ist – und ich etliche Leute kenne, denen vor Jahren oder Jahrzehnten gesagt wurde, dass die Weisheitszähne unbedingt raus müssen, und die bis heute keinerlei Probleme haben.

Jetzt in Unineu-Stadt war das total anders. Sicher waren auch die Voraussetzungen etwas besser – ich habe Dr. S. nämlich eigentlich nicht als Zahnärztin kennengelernt, sondern Birthe hatte sie mir vor Monaten als Ansprechpartnerin in Unineu-Stadt genannt. Da wir alle im selben großen Gemeindeverband engagiert sind, bin ich Dr. S. schon vor einiger Zeit beim Jahresfest begegnet. Damals hatte ich sie in erster Linie wegen der Therapiegeschichte angesprochen (da sie in der Gemeinde auch Seelsorge macht und als Zahnärztin ja auch viele Leute kennt, hätte es ja sein können, dass sie jemanden weiß) und hab danach vorsichtig angesprochen, dass ich so lange nicht mehr beim Zahnarzt war, weil ich Angst habe. Sie meinte dann, dass sie in ihrer Gemeinschaftspraxis eigentlich keine neuen Patienten mehr nehmen, weil sie sehr voll sind und sie aber Zeit für ihre Patienten haben möchten. Hätte ich das gewusst, hätte ich vermutlich nicht gefragt… aber sie meinte dann sofort, dass ich kommen darf. So wie die Arzthelferin heute klang, muss das wirklich die absolute Ausnahme der Ausnahme gewesen sein… und ich bin sooo dankbar dafür.
Wobei die Tatsache, dass ich die Ärztin „kannte“ (wir haben damals 5 Minuten miteinander geredet) eigentlich ja gar kein so wirklicher Unterschied zu früher ist, den Arzt in Heimat-Stadt kannte ich ja auch. Aber Dr. S. ist mir halt auch sehr sympathisch und sie weiß von meinem Asperger – allerdings hatte ich so den Eindruck, dass sie mit allen Patienten so gut umgeht. Sie hat immer ganz genau gesagt, was sie jetzt macht und warum, hat erklärt, hat mich „vorgewarnt“, wenn sich die Geräusche ändern, hat immer wieder nachgefragt, ob alles ok ist oder ich eine Pause brauche… ebenso ihre Arzthelferinnen… keiner hat einen blöden Kommentar gemacht… sie hat den Helferinnen extra nochmal gesagt, dass sie ganz vorsichtig mit mir sein sollen (aber „nett“ und nicht irgendwie herablassend oder so à la „seid mal nett zu dem armen Kind“ – und die Sprüche aus meiner alten Praxis haben sie etwas geschockt, besonders die „Drohung“ mit dem Arzt)… das Röntgen war von daher harmloser, dass dieses Mal kein Röntgenfilm gemacht wurde, sondern nur eine Aufnahme, sodass ich diese Platten nicht brauchte… es gab auch immer mal wieder Lob „Sie machen das ganz toll“… es dudelt keine Musik im Hintergrund, weil sie sich konzentrieren und ggf. reden möchte, aber wer Musik möchte, bekommt einen Diskman oder kann einen MP3-Player mitbringen – da ich das Dauergedudel irgendwelcher Radiomusik auch nicht abkann, fand ich auch das sehr positiv.
Ergebnis war, dass meine Zähne gut gepflegt und im Hinblick auf die lange Pause bei Zahnarztbesuchen ziemlich in Ordnung sind, dass auch nur wenig Zahnstein da ist, aber dass die zwei kleinen Löcher von damals größer geworden sind (auch wenn ich zum Glück keine Schmerzen habe) und dass 3 Weisheitszähne in verschieden starken Schieflagen sind. Das eine Loch hat sie gleich gemacht, wobei ich hier weder 500 € zahlen noch Quecksilber akzeptieren musste… Außer den von meinem ehemaligen Arzt genannten Möglichkeiten gibt es nämlich auch noch Kunststoff (wobei sie den auch nicht verwendet, weil er sich wohl zusammenzieht und dadurch nicht so lange hält – sie hat das Motto „was ich bei mir nicht verwenden würde, verwende ich auch bei meinen Patienten nicht“) und eine Kunststoffkeramikmischung, die ca. 60 € Zuzahlung kostet und ziemlich gut ist. Amalgam hält sie jetzt auch nicht für so gefährlich und es ist wohl sehr haltbar, aber eben auch ästhetisch nicht so toll. Zu den Inlays meinte sie noch, dass die manchmal auch Nachteile haben, nämlich dann, wenn ein Loch nach unten breiter wird, weil man dann gesunden Zahn entfernen muss, um es reinzubekommen, während mit der Füllung eben „stopfen“ kann. Ich habe mich dann auch für die 60-Euro-Variante entschieden. Die lokale Betäubung war seeeehr erfolgreich – gespürt habe ich den Einstich kaum und sie hat offenbar sehr, sehr langsam das Mittel eingespritzt und dann erstmal ausgiebig gewartet, dass die Betäubung wirklich wirkt. Dadurch habe ich wirklich fast nichts gespürt. Allerdings war die Betäubung dafür auch nach 4 Stunden noch zu spüren^^
Wobei ich mittlerweile zum Ergebnis gekommen bin, dass ich bei meiner Panik gar nicht in erster Linie Angst vor Schmerzen habe. Das spielt natürlich schon mit rein, aber es ist das ganze Umfeld. Allein schon die Situation, dass man da völlig hilflos und ausgeliefert auf diesem zurückgekippten Stuhl liegt und 1-2 Leute direkt daneben sind und an einem rumfuhrwerken… das Geräusch vom Bohrer und vor allem dieses Vibrieren und noch schlimmer das Gefühl, wenn mit so einem Haken auf eine nicht ganz feste Oberfläche gedrückt wird – da bekomme ich eine Gänsehaut, das Gefühl ist genauso gruselig wie mit einem Messer auf einem Holzbrett zu schneiden…
Und bei den Weisheitszähnen hat sie gemeint, dass das Argument mit „verschiebt den Kiefer“ in meinem Alter (und auch im Alter vor ein paar Jahren) nicht stimmen würde. Ihre Bedenken sind eher, dass sich Taschen bilden, wo sich Bakterien ansiedeln, die dann die Direktverbindung ins Herz nehmen, und dass ein Zahn, der schief wächst, den Nachbarzahn kaputtmacht. Einer meiner 4 Weisheitszähne ist senkrecht nach oben rausgewachsen, aber einer beginnt gerade die Attacke auf den Nachbarzahn und zwei sind auf dem Weg dahin. Somit müssen alle 4 Zähne raus (der eine, der gerade gewachsen ist, hätte dann keinen Gegenzahn mehr). Also muss ich mal schauen, wie ich das unterbringe… und natürlich Kontakt aufnehmen zum Kieferchirurgen… beraten lassen, wie wir das machen, denn ich glaube, mit lokaler Betäubung halte ich das nicht durch, ich brauche mindestens eine Sedierung… zumal ich auch schon auf Impfungen und kurze Schmerzreize mit Kreislaufproblemen bis hin zur Ohnmacht reagiert habe – ich glaube, das wär nicht so ideal, wenn mitten in so einer OP mein Kreislauf aussteigt… also muss ich mal schauen, dass ich einen Beratungstermin bekomme.
Zu Dr. S. muss ich nächstes Jahr auch noch mal, weil sie an das größere Loch jetzt nicht rangehen mochte – sie meinte, dass es evtl. Komplikationen geben könnte, und dann möchte sie für mich greifbar sein, was jetzt wegen Weihnachten nicht der Fall wäre. Eigentlich wollte sie mich ja im Januar sehen, um dann auch gleich noch mal wegen der Weisheitszähne zu sprechen, aber da ist alles voll… jetzt habe ich einen Termin Mitte Februar und kann nur hoffen, dass es dann ohne größere Komplikationen abgeht, denn da ist Klausuren-Hochsaison… aber vielleicht sagt ja auch jemand ab, die Praxis ruft mich an, wenn kurzfristig was frei wird – und die meisten Sachen, die ich hab, kann ich ja notfalls auch mal schwänzen…

Zahnarztbesuche werden sicher auch in Zukunft nicht mein Hobby und die Kastanien, die ich in der Hand zerquetsche (statt meine Hände zu ruinieren), dürfen auch weiterhin mit, aber ich hoffe mal, dass es vielleicht wenigstens ohne Panik abgeht, nachdem sie dort wirklich alle ganz lieb und nett und vorsichtig sind. Es wundert mich absolut nicht, dass die Praxis so gefragt ist… es ist natürlich schade, dass nicht mehr Leute dort hin können, aber mehr als arbeiten können sie ja auch nicht.

Advertisements

Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
Dieser Beitrag wurde unter Autismus allgemein, Innensicht - Erleben - Meinungen abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Es geht auch anders II – Zahnärzte

  1. absolutnormal schreibt:

    Das klingt nach einer richtig tollen Zahnärztin!!
    Schön das du so eine Erfahrung machen kannst.

  2. Amy schreibt:

    Aaah, Zahnärzte sind auch mein persönlicher Horror. Ich grusele mich schon beim Gedanken daran! Es freut mich aber zu lesen, dass es auch in dieser Berufsgruppe Menschen gibt, die Rücksicht nehmen. Man muss sie nur finden 😉

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Ja, es gibt sie, kann ich jetzt sagen *g*
      Wobei ich sie wohl auch nicht unbedingt gefunden hätte, wenn nicht eben der Bezug durch die Gemeinde da gewesen wäre. Aber eventuell helfen ja doch Arztbewertungsportale, bei meiner Praxis steht mehrfach, dass sie ganz toll sind und den Leuten die bis dahin vorhandene Angst vorm Zahnarzt genommen haben 😀
      Oder in diversen Zahnarztangst-Foren und deren Empfehlungen schauen 😉 Ich bin/ war mal in einem (könnte sein, dass die mich wegen Inaktivität gelöscht haben^^), aber ich finde es gerade nicht wieder 🙄 Beim googlen nach dem Forum bin ich aber glaub ich auf einige Zahnärzte in deiner Stadt gestoßen, die sehr positiv bewertet werden (es sei denn, ich hab deine Stadt falsch im Kopf), schau mal hier: http://www.zahnarzt-empfehlung.de Testhalber habe ich mal die Postleitzahlen von Unialt-Stadt und Heimatstadt eingegeben, da findet sich bei beiden (wie eh und je und wie schon vor 5 Jahren) erst in einiger Entfernung was… Und bei jameda kannst du bei den Suchverfeinerungen einen Schwerpunkt auf den Bewertungspunkt „Umgang mit Angst-Patienten“ legen.
      Es wäre auf jeden Fall sinnvoll gewesen, wenn ich nicht so lange gewartet hätte, das eine Loch macht meiner Ärztin ja wohl doch etwas Sorgen, wenn sie sich da nicht dranwagen wollte, weil sie in 10 Tagen in Urlaub geht… und bei den Weisheitszähnen kann ich nur hoffen, dass der eine schiefe noch keinen allzu großen Schaden angerichtet hat… (Ich weiß, das sagt die richtige, dass man regelmäßig zum Zahnarzt sollte 😳 Aber ich hatte halt keine Beschwerden, da war das Aufschieben so wunderbar einfach…)

  3. Oh ja, Zahnarzt ist schrecklich. Ich soll auch meine Weißheitszähne rausmachen lassen (schon ewig) und lass es nicht machen, weil die nicht weh tun… Gut, dass du die Zahnärztin gefunden hast.

  4. Pingback: Dicke Backen | Gedankenkarrussel

  5. Markus Kohler schreibt:

    Da zeigt sich einmal wieder sehr deutlich, dass eine persönliche Beziehung zur Zahnärztin die Angst doch sehr stark reduzieren kann.

  6. Pingback: Schmerzempfinden – Autismus – Keep calm and carry on

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s