Alleinsein versus Einsamkeit

Vor einiger Zeit bin ich auf eine Differenzierung dieser beiden Begriffe gestoßen, die ich sehr interessant fand – für mich war das bisher so ziemlich dasselbe gewesen :oops:.

Dort wurde so unterschieden:
Alleinsein ist grundsätzlich erst mal etwas positives. Gerade als Aspie braucht man auch mal seine Rückzugsräume, hat nicht unbedingt das Bedürfnis, ständig Leute um sich zu haben. Unter Alleinsein leidet man nicht per Definition.
Einsamkeit hingegen ist, wenn man zwar alleine ist, dies aber eigentlich gerade nicht sein will – aber keinen Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen kann (sei es, weil man keinen hat, den man überhaupt ansprechen könnte, sei es, dass es zwar Menschen gibt, aber man ist nicht in der Lage Kontakt aufzunehmen). Und Einsamkeit leidet man dann also.

Im Prinzip kannte ich die beiden Gefühle allerdings schon, ich habe es nur nicht so benannt – ich habe einfach immer unterschieden zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Alleinsein. Mir geht es ja genau so… oft bin ich gerne alleine, aber manchmal hätte ich gern jemanden, dem ich etwas erzählen oder den ich auch um Rat fragen kann. Bei mir scheitert es weniger an den Menschen, da habe ich schon einige (wenn auch größtenteils nicht vor Ort, man kann sich also nicht so ohne Weiteres treffen, sondern „nur“ mailen oder *hust* telefonieren), bei mir scheitert es an der Kontaktaufnahme. Ich überlege dann immer, ob mein Anliegen eigentlich wichtig genug ist… und wie ich anfangen soll… darf ich in meiner Mail direkt mit dem Anliegen beginnen? Ach nein, ich muss ja eigentlich erst mal fragen „wie geht es dir“ und kurz berichten „mir geht es ganz gut“ o.ä. In der Regel interessiert es mich ja auch, was der andere macht (Leute, die mir total egal sind, schreibe ich ja eher nicht an, weil ich ohnehin nicht wirklich Kontakt zu ihnen habe), nur „im Eifer des Gefechts“, wenn es um eine Sachfrage geht, vergesse ich das auch gerne mal…

Also ich bin sicher kein totaler Einzelgänger. Ich freue mich, dass ich vielleicht jetzt eine Gemeinde gefunden habe, wo ich in einen Hauskreis und zu den Gottesdiensten kann. Auch wenn diese Situationen dann oft wieder sehr herausfordernd sind, weil zu viele Leute da sind oder weil ich außerhalb fester Programmpunkte immer Probleme habe, was ich mache/ mit wem ich rede, wenn ich mich nicht an jemanden „dranhängen“ kann :roll:.
In solchen Situationen finde ich mein Asperger dann einfach nur noch doof, denn da würde ich gerne mit Leuten Kontakt aufnehmen und kann es einfach nicht.
Andererseits stört es mich an sich überhaupt nicht („emotional“ gesehen), dass ich zu den Kommilitonen keinen Kontakt habe. Das ist nur von daher blöd, dass ich eigentlich jemanden bräuchte, den ich fragen kann, wenn ich etwas nicht verstehe…

Und noch ein Schlusswort 😉
Ich konnte bis vor einem Jahr Gefühle praktisch gar nicht „fassen“ und ausdrücken. Ich hatte Gefühle, aber sie waren meist sehr „diffus“. Meist habe ich auf die Frage „Wie fühlst du dich“ gesagt „ganz ok“ bzw. (wenn es so war und der Fragende mich gut kannte) „nicht so gut“ – und das auch so gemeint, ich konnte nicht genauer erfassen, ob ich jetzt glücklich bin oder zufrieden oder stolz oder traurig oder ängstlich… mal davon abgesehen, dass ich es wohl auch nicht wirklich versucht habe… Das habe ich hauptsächlich durch den Klinikaufenthalt gelernt, wo ständig die Frage war „Wie fühlen Sie sich JETZT“. Hat mich anfänglich total genervt, weil ich nicht wusste, was ich sagen soll, denn „ok ist kein Gefühl“, wie mein Bezugstherapeut immer meinte. Der war da echt stur :lol:. Und im Nachhinein bin ich da auch dankbar dafür, denn – auch wenn es mich echt überrascht hat – es hilft mir, wenn ich meine Gefühle genauer beschreiben kann, auch für mich selber. Und natürlich auch gegenüber anderen, die so (guter Willen vorausgesetzt!) eher verstehen können, wie ich „ticke“. Wenn ich ihnen das nicht beschreiben kann, woher sollen sie mich dann verstehen können?

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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2 Antworten zu Alleinsein versus Einsamkeit

  1. Träumerin schreibt:

    Einsam kann man auch inmitten von Menschen sein, also wenn man gar nicht allein ist.

    Für mich ist Alleinsein eher ein Zustand, während Einsamkeit ein Gefühl ist. Ich glaube, jeder ist gerne mal allein bzw. braucht es sogar, aber niemand möchte einsam sein bzw. sich einsam fühlen.

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