„Gebrauchsanweisung“

Vielleicht verirren sich hierher ja auch mal Menschen, die nicht selber die Probleme haben, aber in ihrem Umfeld jemanden haben, von dem sie nicht wissen, wie sie mit ihm umgehen sollen, wie sie ihm helfen können. Dieser Artikel soll also die Frage „Wie gehe ich mit Menschen mit Sozialer Phobie (oder Problemen, die sich ähnlich äußern) um“ zumindest ein bisschen beantworten. Die Antwort ist natürlich subjektiv und gibt meine Sichtweise wieder.
Der Einfachheit halber nenne ich die Person, die diese Probleme hat, in dem Artikel Sanxia – ich finde es zu umständlich, immer „der Sozialphobiker“ oder „die Person mit Sozialer Phobie“ zu schreiben. Sanxia ist ein Kunstwort aus der englischen Bezeichnung für Soziale Phobie, nämlich Social Anxiety.

Vorweg eine Sache, die mir sehr wichtig ist: Als Freund(in), Bruder, Schwester, Eltern, Lehrer, Jugendgruppenleiter… von Sanxia seid ihr nicht in erster Linie Therapeuten! Unterstützt Sanxia und verweigert ihr nicht eure Hilfe in einer bestimmten Situation, weil ihr es „ja nur gut meint und sie es doch selber lernen muss“. Wenn ihr merkt, dass sie in einer Situation Hilfe braucht, dann überlegt euch, ob es euch viel Aufwand kostet, ihr diese zu geben – und wenn es euch nicht viel kostet (oder natürlich auch, wenn es euch zwar mehr kostet, aber ihr dazu bereit seid) , dann gebt sie ihr. Wahrscheinlich wird sie euch selten selber von sich aus direkt um Hilfe bitten, aber wenn sie euch direkt um Hilfe bittet, dann braucht sie diese vermutlich dringend.
Eure Hilfe sollte also nie so aussehen, dass ihr sagt „du musst es ja lernen“.
Einzige Ausnahme: In Absprache mit Sanxia selbst oder einem Therapeuten. Letzteres dürfte vor allem auch für Eltern zutreffen, die natürlich ihr Kind erziehen und unterstützen müssen und wollen und ihm zur „Lebenstüchtigkeit“ verhelfen wollen. Das finde ich an sich auch gut, aber wenn euer Kind so große Probleme wie Sanxia hat, solltet ihr nicht ohne Rücksprache mit einem Therapeuten handeln, denn euer Kind wird vermutlich sehr viel Kraft brauchen, um den Alltag überhaupt zu bewältigen – gut gemeintes Versagen von Unterstützung kann hier ganz schnell zu einer massiven Überforderung führen.

Wichtig ist auch zu wissen: Es kommt auch immer auf die Tagesform an, was Sanxia selber schafft. Ist sie gut drauf, dann schafft sie es vielleicht ohne größere Probleme, sich beim Bäcker ein Rosinenbrötchen zu holen. Hat sie aber vielleicht gerade eine für sie schwierige Situation hinter sich, ist müde … oder oder oder, dann schafft sie es womöglich nicht. Die Entscheidung, was sie in einer konkreten Situation schafft und was nicht, liegt bei Sanxia, nicht bei euch!

Jetzt aber zu konkreten Situationen, wie ihr helfen könnt.

Ihr könnt ihr Dinge abnehmen und sie dadurch entlasten. Wenn ihr einen gemeinsamen Urlaub plant, muss nicht unbedingt Sanxia diejenige sein, die bei der Touristinformation der Urlaubsregion anruft. Wenn ihr in der Stadt seid und euch einen Imbiss kaufen wollt, könnt ihr Sanxia ihr Wunschbrötchen mitbringen. Ihr könnt auch für sie in der Post fragen, wieviel das Porto für ihre Postkarte nach Deutschland kostet. Ihr könnt für sie fragen, wo im Restaurant sich die Toilette befindet. Ihr könnt diejenigen sein, die auf die Nachfrage der Kellnerin „alles recht?“ antworten. Dies alles sind Dinge, die für Sanxia eine schwierige bis unmögliche Herausforderung sein können, euch aber vermutlich nicht mehr als ein paar Sekunden kosten.

Ihr könnt sie unterstützen, indem ihr sie nicht allein lasst und es ihr vormacht. Wenn ihr euch z.B. gemeinsam etwas zu essen kauft, dann nehmt Sanxia möglichst in die Mitte von euch. Dann kann sie nämlich bei denjenigen vor ihr schon mal schauen, was man sagt und wie der Verkäufer reagiert, welche Rückfragen er ggf. stellt. Bei diesem Vorgehen lernt Sanxia sogar was ;-). Wenn sie es oft genug gemacht hat, schafft sie es vielleicht sogar alleine, weil sie Sicherheit und Routine gewonnen hat.

Ihr könnt sie unterstützen, indem ihr das alles möglichst unauffällig macht. Es muss nicht alle Welt von Sanxias Problemen wissen. Wenn ihr meint, dass sie offener damit umgehen soll, könnt ihr mit ihr darüber reden, aber die letztendliche Entscheidung liegt bei ihr, nicht bei euch.

Manchmal wird Sanxia vielleicht innerlich so fertig sein, dass sie kein Wort rausbringt. Akzeptiert das einfach. Ihr Schweigen ist nicht gegen euch gerichtet. Geht darauf ein, wenn sie sich dann vorübergehend mit Gesten verständigt, indem sie z.B. einfach auf etwas zeigt. Fragt sie (wenn möglich) keine Dinge, die sie nicht mit Gesten/ Nicken/ Kopfschütteln beantworten kann. Gebt ihr eine Rückzugsmöglichkeit, schaut aber nach einer gewissen Weile mal bei ihr rein, wie es ihr geht.

Sanxia ist insgesamt meist ein ziemlich unsicherer Mensch, der von seinen Problemen oft frustriert ist und sich dafür schämt. Ihr könnt sie unterstützen, indem ihr für sie da seid und ihr signalisiert, dass sie ok ist, wie sie ist, und dass sie euch wichtig ist. Das muss nicht unbedingt mit Worten sein, wenn ihr eine entsprechende Beziehung habt, könnt ihr sie z.B. auch gern in den Arm nehmen.

Ihr könnt mir in den Kommentaren gerne auch Fragen stellen!

Nachtrag: Gilt auch für Asperger-Autisten 😉

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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9 Antworten zu „Gebrauchsanweisung“

  1. ICh hab jetzt diesen und weitere Beiträge von dir gelesen, mir geht es oft ähnlich, aber ich wusste nicht dass das einen Namen und eine Definition hat… Bei mir ist es nicht so stark, dass es jedem im Alltag auffällt der mich kennt, aber eben doch mehr als vorhanden..
    Lg Enilla

  2. dieandereperspektive schreibt:

    Sehr gut beschrieben. Kompliment! Ich hoffe, dass es die Personen in deinem Umfeld erreicht. Denn nichts ist so kompliziert, als die Forderung, dass ein neurotypisch veranlagter Mensch von sich aus etwas tun soll, ohne dass man darum bettelt. Es ist manchmal zum verzweifeln.

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Danke!
      Die Personen in meinem Umfeld werden von diesem Eintrag hier sicher nichts erfahren, denn sie wissen nichts von diesem Blog… aber ich sage es mittlerweile natürlich gelegentlich. Bei meiner Mama scheint es echt angekommen zu sein, sie sagt sogar von sich aus jetzt manchmal, dass sie für mich irgendwo anruft (da, wo es geht).
      Dass die Leute etwas von sich aus tun, erwarte ich ja nichtmal, aber ich fände es so schön, wenn sie es wenigstens dann täten, wenn sie a) von den Problemen wissen UND b) man sie konkret drum bittet 😦

  3. dieandereperspektive schreibt:

    Hier trennen sich wahre und vermeintliche Freunde. D.h. zwar nicht, dass man sie deshalb meidet, aber hilft sie richtig einzuschätzen. Natürlich wird sich das nur jemand trauen, der dich gut kennt. Wer sich aber trotzdem davor drückt, wird niemals eine engere Freundschaft zulassen, das ist immer gut zu wissen.

  4. Pingback: Suchbegriffe (ernsthaft) | Gedankenkarrussel

  5. frau k. schreibt:

    danke für diesen post!

  6. Gardiners-Seychellenfrosch schreibt:

    Is nur blöd, wenn Sanixa, Verdachts-Sanxia, schwerhörig+undiagnostziert Aspie an einen vermeintlich netten Menschen treffen der finstere Sachen treibt, einen ausnutzt, Lügenerzählt, was man nur durch andere wirklich nette Menschen erfährt, die einen warnen und retten wollen… Ich kannte mal einen sozialphobiker, wusste aber auch nicht so recht wie im Artikel beschrieben hilfreich z.B. als Erstbesteller zu sein. Immerhin hab ich nicht gesagt musst mal lernen… Ich krieg selber auch Schweißausbrüche wenn ich z.B. ein Brötchen kaufen will…. Was is wenn ich nicht verstehe was die verkäuferin sagt… Zu sozialphobiker hab ich keinen kontakt mehr, er ist dem Wolf im Schafspelz erlegen *schniefs*

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