Es war einmal

Es war einmal eine Zeit, da war das Gedankenkarussel noch kein Gedankenkarussel.

Damals war es einfach ein kleines Mädchen.
Das kleine Mädchen war in den Augen seiner Eltern ganz normal.
Es machte sich auch selber noch keine großen Gedanken.
Natürlich merkte es, dass es nicht so gut mit anderen Kindern spielen konnten und dass es keine Freundin hatte. Und dass es oft nicht so gut schlafen konnte.
Aber das hielt das kleine Mädchen für normal, auch wenn es manchmal traurig war, weil es keine Freundin hatte.
Das kleine Mädchen hatte eine ziemlich spitze Zunge und lachte selten. Nur wenn es schadenfroh sein konnte, dann lachte es. Das kleine Mädchen machte sich auch öfter damit unbeliebt, dass es petzte. Wenn es fand, dass etwas ungerecht war, konnte es einfach nicht den Mund halten. Und ungerecht fand es eben auch, wenn andere verbotene Dinge taten, ohne dafür bestraft zu werden.
In den ersten Schuljahren hatte das kleine Mädchen immer mal die ein oder andere Freundin. Aber die beiden nettesten zogen weg. Und für das kleine Mädchen blieben meist nur andere Außenseiter übrig. Nicht mal die wenigen gleichaltrigen Nachbarskinder wollten wirklich mit ihm spielen.
Inzwischen war das kleine Mädchen nicht mal mehr zu Hause so glücklich, denn das kleine Geschwisterkind war geboren worden.
Das kleine Mädchen, das gar nicht mehr so klein war, wurde eine Zeitlang ziemlich verhaltensauffällig.
Später wurde es ganz unauffällig und brav.
In der Schule war es meistens ziemlich gut. Es fand es ganz wichtig, sich an alle Regeln zu halten und dass man Hausaufgaben machen muss, auch wenn man sie doof findet. Es konnte nie verstehen, dass andere die Schule schwänzten und den Lehrer anlügen konnten.
Das Mädchen sagte auch immer ganz direkt, was es dachte. Manchmal kamen dabei Aussagen heraus, die die anderen ziemlich unhöflich und verletzend fanden.
Schon von klein auf war das kleine und das nicht mehr so kleine Mädchen mit ältern und jüngeren Kindern und mit Erwachsenen besser klargekommen. Aber eigentlich dachte es, dass es auch mit den Klassenkameraden ganz gut auskommt, auch wenn es mit kaum einem mehr zu tun hat.
Aber als das Mädchen in der 10. Klasse war, stellte sich heraus, dass es die Situation völlig falsch eingeschätzt hatte. Die anderen fanden das Mädchen nämlich nicht ganz ok, sondern so anstrengend, dass sie gar nicht wollten, dass es mit ihnen redet.
Da zog sich das Mädchen in sein Schneckenhaus zurück. Und seitdem passt das Mädchen ganz genau auf, ob es nicht indirekte Hinweise darauf, dass es anderen auf die Nerven geht, übersieht. Es versteht nämlich diese Hinweise nicht richtig oder bemerkt sie eben gar nicht erst. Und wenn es sie bemerkt, dann überlegt es, was das wohl bedeutet und darum ist das Mädchen heute ein Gedankenkarussel. Außerdem traut es sich nicht mehr das zu sagen, was es eigentlich denkt, denn es will den anderen ja nicht wehtun. Aber sich verstellen mag es auch nicht. Früher hat es einfach nicht nachgedacht, ob eine Aussage jemanden verletzt. Und wenn es abgelehnt wurde, dann war es zwar traurig, aber dann hat es es eben noch einmal versucht. Aber nach diesen Erfahrungen wurde das Mädchen ängstlich und hat sich gar nicht mehr getraut, es überhaupt zu versuchen.

Und wenn es nicht gestorben ist…
Und tief drin ist das Gedankenkarrussel eigentlich immer noch ein kleines Mädchen.

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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Eine Antwort zu Es war einmal

  1. chaosmaeuschen schreibt:

    (Jetzt mach‘ ich schon für Kommentare Entwürfe… oi)
    Vielleicht hilft es dem Mädchen irgendwie, daß es irgendwo eine Maus gibt, die es besser findet, die Wahrheit zu hören? Denn selbst wenn ein „boah, die Haarfarbe steht dir echt nicht!“ oder ein „tut mir leid, aber das Bild hast du versaut!“ erstmal weh tut… beim nächsten „das Bild sieht aber toll aus!“ weiß sie dann, daß die Person es ernst meint, denn wenn nicht, würde sie es ihr ja ehrlich sagen. Kein Gerätsel, ob etwas ernst gemeint oder nur so gesagt ist… das macht alle vorherigen Verletzungen definitiv wieder heil! 🙂
    Und die Maus ist bestimmt nicht die Einzige, der es da so geht…

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