Anders II

Ich hab ja schonmal geschrieben, dass ich immer irgendwie anders war als andere.

Es gab aber auch gelegentlich Dinge, wo ich war wie alle anderen.
Wo ich dasselbe haben wollte.
Wo ich dasselbe tun wollte.
Wo ich vielleicht dasselbe gewollt hätte, wenn ich nicht schon so vorgeprägt gewesen wäre.

Doch in den meisten dieser wenigen Dinge haben unsere Eltern (v.a. unsere Mutter) uns noch mehr zum Außenseiter gemacht als wir eh schon waren.
Das Geschwisterkind hat sich da besser durchgesetzt als ich – keine Ahnung, ob es daran lag, dass Eltern mit der Zeit nachgiebiger werden oder daran, dass es noch sturer war als ich. Vermutlich eine Mischung aus beidem.

Wir waren beide bestimmt eher anspruchslos, wir haben uns nie für teure Markenprodukte oder so interessiert, es waren eher Kleinigkeiten. Aber DAS Motto war halt „Was andere machen, ist für uns kein Maßstab“. Find ich in vielem ja auch zutreffend, aber eben nicht in allem…

Da waren die Super-Soccer, die viele andere hatten. Ne, sowas gab es für uns nicht, wir hatten doch normale Wasserpistolen, die reichen schließlich. Was um alles in der Welt wäre an so einer Wasserpistole schlimm gewesen, wenn ich sie mir von meinem Geld gekauft oder sie zum Geburstag bekommen hätte?!? (Am Geld lag es nicht, da hab ich teurere Geschenke bekommen…)

Da war der Fußballverein, wo ich ein paarmal zum Schnuppertraining war und eigentlich gern weitermachen wollte. Doch meine Mutter hat mir das ausgeredet, weil sie die Atmosphäre da unzumutbar fand. Da haben schließlich die anderen Eltern im Clublokal geraucht!!! Geht ja gar nicht! Alle anderen Vereine wurden aber unbedingt unterstützt.

Da war unsere Kleidung. Von klein auf hörten wir, dass Jeans unbequem sind. Logisch, dass wir dann nie welche anprobiert haben und lange in total altmodischen Cordhosen rumliefen.

Da war der Süßkram, den man sich als Grundschulkind beim Bäcker kauft. Diese sauren Zungen, Colakracher und so weiter. Aber ne, so ein „Rattengift“ sollen wir uns doch bitte nicht kaufen, dafür ist unser Taschengeld nicht gedacht! (Mama ist tendenziell etwas ökologisch angehaucht…)

Da war die Musik, Boygroups… aber was man so im Radio hört, ist ja „Katzenmusik“, über die man sich sofort und lautstark aufregen muss, wenn man sie z.B. im Supermarkt oder McD hört. Dabei vermute ich, dass mir vom Stil her einiges gefallen hätte. Aber so habe ich halt lange überzeugt die Meinung vertreten, dass die ganze Musik nichts taugt. Macht einen sehr beliebt bei den Klassenkameraden… (mit dem Hype um die ganzen Boygroups hätte ich allerdings sicher auch sonst nix anfangen können *g*).

Da war das Thema Kaugummi. Irgendwann durften wir den zumindest gelegentlich kauen. Aber eigentlich ist Kaugummikauen doch total ungesund und „primitiv“.

Da waren die Urlaube. Wir wären gerne ans Meer gefahren wie die anderen. Geld und Zeit wären da gewesen, doch meine Eltern konnten damit offenbar nichts anfangen, also waren wir meist die gesamten Ferien daheim…

Da war das Fahrradfahren. Ich wäre gerne mit dem Rad in die Nachbarstadt zur Schule gefahren. Durfte ich bis zu meinem Abi nicht, war zu gefährlich…

Da war der Führerschein. Alle anderen durften nach ein paar Fahrten alleine Auto fahren. Ich durfte nach einem Monat immerhin alleine in die Nachbarstadt fahren. Aber selbst nach 3 Monaten kam meine Mutter noch mit, um in einem über 100 km entfernten Kaff den Tag totzuschlagen, denn alleine konnte ich ja so eine weite Strecke nicht fahren. „Wir vertrauen ja dir, dass du es kannst – aber den anderen Autofahrern nicht.“ (Führerschein mit 17 und begleitetes Fahren gab es leider noch nicht.)

„Was wäre, wenn“ bringt mich nicht weiter, ich weiß.
Dennoch wüsste ich gerne, was an mir Prägung ist und was wirklich ich bin.
Oder ist „ich“ eben auch durch die Prägung und Erlebnisse beeinflusst?

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Über gedankenkarrussel

zwischen 25 und 35, Christ, naturwissenschaftlich interessiert, Aspergerautistin im Kampf mit der Müdigkeit... (darüber schreibe ich mehr in meinem Blog https://gedankenkarrussel.wordpress.com/ )
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10 Antworten zu Anders II

  1. Träumerin schreibt:

    Oh je, da entdecke ich viele Gemeinsamkeiten. Ich glaube, dass sehr vieles Prägung ist und dass eben auch die Ängste – selbst wenn unbewusst – durch so ein Verhalten der Eltern entstehen. Das mit dem Fahrradfahrverbot bis zum Abi kenne ich nur zu gut, ich konnte eigentlich erst frei leben, nachdem ich mit knapp 20 von zuhause ausgezogen war. Ich durfte nicht mit auf Klassenfahrten, nicht zum Schwimm- und Sportunterricht, nicht auf Parties, nicht auf Konzerte (außer meine Mutter ist mitgegangen) und den Führerschein bekam ich erst gar nicht bezahlt, nach dem Motto, wenn dann was passiert, sind wir ja „schuld.“
    So wird einem doch schon von Kindheit an eingetrichtert, wie gefährlich die Welt ist und wobei einem überall was passieren kann.

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Ganz so schlimm waren meine Eltern zum Glück nicht. Das klingt ja echt anstrengend bei dir. Den Führerschein sollte ich unbedingt so früh machen, denn sonst wäre ich ja nicht monatelang mit ihnen als Beifahrer rumgegondelt…
      Dennoch fände ich es spannend, wer ich wäre, wenn meine Eltern anders gewesen wären. Können „echte“ Wesenszüge durch Prägung „überschrieben“ werden?

  2. Pingback: Man muss – muss man? | Gedankenkarrussel

  3. Bei mir war das ähnlich (irgendwie war viel ähnlich?? vielleicht). Z.B. habe ich nie Taschengeld bekommen oder auch Weihnachten keine Geld. Verwandte haben mit und meinen Schwestern zwar Geld geschenkt aber meine Mutter hat dann eben die Geschenke davon gekauft. Es ist jetzt nicht so, dass ich nichts hatte als Kind. Aber ich hatte eben z.B. Kleidung von der Kleiderböse und habs nicht gemerkt, warum sich andere drüber lustig machen. Ich habe einfach den Unterschied nicht gesehen. Heute sehe ich ihn auf Fotos z.B. (die Kleidung war mir auf viel zu groß). Meine Mutter hat sich auch über viel Lustig gemacht. Dadurch wollte ich ihr dann z.B. gar nicht erzählen was ich gerne mag, weil ich nicht wusste, ob das auch zu den Dingen gehört die sie doof findet. Also habe ich lieber nichts gesagt wenn ich z.B. etwas interessantes gelesen habe (Musik fand ich lange nicht interessant). Ich finde auch im Rückblick betachtet dass sie sich ziemlich über mich lustig gemacht hat und über meine Eigenheiten… das soll jetzt nicht gemein klingen. Aber ich habe mich ja nicht mit Absicht etwas selbstam verhalten und es hieß immer „mach das nicht“, „du willst die Puppe nur damit du deine Arme die ganze Zeit hochhalten kannst“ (weil ich immer die Puppe getragen habe) etc. Vielleicht ist lustig-machen das falsche wort. Es ist nicht böse gegenüber meiner Mutter gemeint.

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Es finden sich immer wieder Ähnlichkeiten 😉 – hatte ich schon mit Rena in der Klinik, mit Amy, die hier auch mitliest und einen Blog schreibt, mit Leuten in der Selbsthilfegruppe… eigentlich mit vielen, die irgendwelche „psychischen Probleme“ haben, welcher Art auch immer, es findet sich fast immer eine Schnittmenge.
      Nett finde ich die Bemerkungen deiner Mutter auf jeden Fall nicht. Sowas gab es bei meinen Eltern nicht, allerdings ist Papa halt manchmal der „reiß dich zusammen, das ist doch nicht so schwer“-Typ.
      Gepasst hat unsere Kleidung schon, es war nur geringfügig *hust* altmodisch. Ich hab das aber auch lange nicht geblickt…
      Hab übrigens vorhin mal in deinen Blog reingeschaut und dann auch wieder gewusst, warum ich schon beim letzten Mal direkt kehrt gemacht hatte – ich hasse Englisch… im Studium komm ich nicht ganz drumrum, aber in der Freizeit ist es mir dann meist zu viel, da auch noch Sachen auf Englisch zu lesen…

  4. Gardiners-Seychellenfrosch schreibt:

    ne öko-mutti ist schon gut so. rudy simone schreibt in aspergirls zucker macht aspies stärker süchtig als Nts und eltern sollen auf eine gute Ernährung achten, solange die kids noch formbar sind in den ernährungsgewohnheiten. ich wünschte meine mum hätte den süßkram gedeckelt, kann hätte ich evtl. kein adiposditasproblem in der kindheit gehabt bzw. ein übergewichtsproblem jetzt. ich bin definitiv zuckersüchtig leider, mit öfter schlechten stoffechselwerten. zucker ist megamies für die darmflora, das könnte einfluss auf die stimmung haben, glaube ich zumindestens und sorgt soweit ich gelesen habe dafür dass man nicht abnimmt trotz diät und/oder nicht essen… naja, die vergangenheit kann man nicht ändern. dann fährst du halt jetzt da in den urlaub wo du willst, ziehts jeans an usw. vllt. gabs bei euch keine kinderfreizeiten… die reaktion deiner mum beim autofahren war schon richtig, ich durfte einfach machen nach der prüfung und hattte 2 unfälle und verdachts-aspiedad hat auch schon öfter mal unfälle gehabt… es echt kein verlass auf die anderen… ich fahr nicht mehr auto bis es selbstfahrende, intelligent bremsende autos gibt.

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Also bei meinem Geschwisterkind und mir hat meine Mutter mit ihrem Öko-kein-Zucker-Tick genau eins erreicht: Nachdem wir ausgezogen waren, wollten wir davon erstmal gar nichts mehr wissen… mittlerweile nähere ich mich dem Thema wieder an, aber bzgl. „formbar“ oder so hat es definitiv nichts gebracht. Ich denke, es wäre sinnvoller gewesen, manche Dinge in gewissem Umfang zuzulassen und nicht jede Mahlzeit mit Vorträgen über Bio und Co vollzulabern, während wir Kinder vielleicht gern erzählt hätten, wie der Tag so war.

  5. Gardiners-Seychellenfrosch schreibt:

    Wenn dir Fußball wichtig ist, dann spiel jetzt und in Zukunft… Es wäre falsch zu sagen nur weil in der Kind es nicht möglich war es nie mehr möglich ist.
    Klar isses einfach zu sagen, oh ein Elternpaar hat falsche Sachen gemacht. Aber es ist ganz ehrlich gesagt als Elternteil ein sehr schwieriger Job, die richtigen Entscheidungen zu treffen. man hat hat ja keinen richtigen Plan/Vorbild an dem man sich langhangeln kann. Meistens macht man dann doch was die eigenen Eltern vorgelebt haben, auch wenn an sich vornahm nicht so zu werden wie sie. Es fehlt an Elterntranining, wo man lernt wie man Kinder wertschätzend erzieht wenn man es tzuhause nicht gelernt hat. Ich hab auch schon Dinge gesagt die mir leid tun… Eltern machen jedenTag Fehler. Echt Wesensmerkmale werden durch Prägung nicht überschrieben. Man muss evtl. sein wahres Selbst etwas ausbuddeln, ja… Lies mal dazu die Bücher von John+Stacy Eldredge… Eltern von Kindern bei denen As erst als Erwachsene festgestellt wurde haben ja das Problem dass ihnen gesagt wurde dass sie eh alles falsch machen, dass sie anders erziehen müssen, dann klappt das schon mit dem „komischen“ Kind. Dann fühlen sich diese Eltern überfordert hilflos…

    Ich hab festgestellt mit nur Anklage ggü meinen Eltern komm ich nicht weiter dann kommt nur Gegenanklage. Es kommt besser wenn ich mir die Umstände anhöre die zu der Entscheidung geführt haben und dann vergebe. Es ist besser die Anklage auf einen Zettel zu schreiben den man nicht abschickt an den Adressaten. Bei der Aussprache mit den Eltern macht es sich besser in Ich-Form zu reden, ich fühlte mich usw…

    Egal ob Katzenmusik oder nicht als Aspie ist man bei der Peergroup eh nicht beliebt kann man machen was man will. Immerhin hattest du eine Meinung und hast sie auch gesagt. Andere meinungen muss man aushalten können. Ich war/binVertreter der Anti-Rauch und Trink-Fraktion.. und Abtreibung geht einfach nicht, punkt.

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Ne, mittlerweile mag ich Fußball überhaupt nicht^^ K.A. ob das anders wär, wenn ich damals hätte spielen dürfen.
      In diesem konkreten Posting ging es ja auch weniger um „Anderssein wegen (unbekanntem) Asperger“, sondern um Anderssein aus Gründen, die ich „unnötig“ finde und wo auch NT-Kinder dieser Ansicht sein dürften.
      Meinen Eltern mach ich bzgl. der Vergangenheit keine Vorwürfe – dafür, dass sie nichts von meiner Diagnose wussten, haben sie sehr viele Dinge sehr gut gemacht!

      Bzgl. Peer-Group: Nicht beliebt sein/ ignoriert werden ist das eine – aber aktiv angegriffen werden, das andere. Wenn ich meine Meinung nicht so undemokratisch geäußert hätte, hätte es sicher ein paar Angriffe weniger gegeben.

  6. Gardiners-Seychellenfrosch schreibt:

    Anders sein ist doch toll. Wenn alle dasselbe wollen is doch langweilig. Was die Fürsorge betrifft, wegen der Haltung Eltern sind immer schuld wenn den Kindern was passiert bzw. im Leben der Kinder es nicht so läuft wie erwartet, wollen Eltern vorsorgen hinterher als Schuldigen hingestellt zu werden, weil sogar die Behörden immer die Eltern in Haftung nehmen.

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